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Hang the DJ: Die Liebe gegen den Algorithmus (Black Mirror 4.4)

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Hang the DJ. Es gibt eine Frage, die sich jeder stellt, der heute einen Partner sucht. Kann ein Algorithmus wissen, wen ich lieben werde? Die Dating-Apps versprechen es. Sie berechnen Kompatibilität, Prozentwerte, Übereinstimmungen, als ließe sich die Liebe in Daten fassen, in Statistik, in eine mathematische Gleichung. Hang the DJ, die vierte Folge der vierten Staffel von Black Mirror, nimmt dieses Versprechen beim Wort und denkt es zu Ende. Und am Ende, in einer für die Serie seltenen Wendung, kommt dabei etwas Hoffnungsvolles heraus, eine der wenigen Folgen, die den Zuschauer mit einem Lächeln zurücklässt statt mit Entsetzen.

Die Folge ist, neben San Junipero, die zweite große Ausnahme in der düsteren Welt von Black Mirror, eine Liebesgeschichte mit Happy End. Und auch hier gelingt Charlie Brooker das Kunststück, die Technik zunächst als bedrohlich, als freiheitsraubend zu zeigen, nur um am Ende eine überraschend optimistische Pointe zu enthüllen. Der Titel stammt aus dem Lied Panic der Band The Smiths, dessen Refrain, Hang the DJ, hängt den DJ, eine Auflehnung gegen den ist, der uns vorschreibt, wozu wir tanzen sollen.

Black Mirror

Die Welt des Systems

Amy, gespielt von Georgina Campbell, und Frank, gespielt von Joe Cole, leben in einer seltsamen, abgeschlossenen Welt, die vollständig von einer Instanz namens das System beherrscht wird. In dieser Welt sucht niemand mehr selbst nach einem Partner. Stattdessen teilt das System jedem Menschen Partner zu, für eine genau festgelegte Dauer, die am Anfang jeder Beziehung verkündet wird. Mal sind es nur zwölf Stunden, mal Monate, mal Jahre. Die Menschen müssen diese Vorgaben befolgen, bewacht von Sicherheitspersonal, und am Ende der zugeteilten Zeit werden sie getrennt und dem nächsten Partner zugewiesen. All das, so verspricht das System, diene einem höheren Zweck. Aus all diesen Beziehungen, diesen Erfahrungen, diesen Daten errechnet das System schließlich den einen perfekten Partner, den ultimativen Match.

Amy und Frank werden gleich zu Beginn einander zugeteilt, für lächerliche zwölf Stunden. Doch in dieser kurzen Zeit entsteht zwischen ihnen etwas Echtes, eine Verbindung, eine Zärtlichkeit, ein Gefühl, das bleibt. Dann trennt sie das System, wie es die Regeln verlangen, und schickt sie in andere Beziehungen. Frank muss ein frustrierendes Jahr mit einer Partnerin verbringen, mit der er sich nicht versteht. Amy durchläuft eine Reihe oberflächlicher, hohler Kurzbeziehungen. Doch beide können einander nicht vergessen. Immer wieder denken sie an jene ersten zwölf Stunden, an das, was hätte sein können.

Das System verspricht, die Qual der Wahl zu beenden, die Überforderung des endlosen Datings, die Unsicherheit der Partnersuche. Man muss sich nur fügen, vertrauen, die eigene Freiheit abgeben, und am Ende wartet der perfekte Partner. Es ist die Verlockung, die Verantwortung für das eigene Glück an einen Algorithmus abzugeben.

Die Rebellion

Das System bringt Amy und Frank schließlich ein zweites Mal zusammen, und wieder spüren sie die tiefe Verbindung. Doch diesmal macht Frank einen Fehler. Aus Unsicherheit, aus Angst, die Zeit könnte zu kurz sein, überprüft er heimlich das Ablaufdatum ihrer Beziehung, obwohl beide vereinbart hatten, es nicht zu tun. Dieser Vertrauensbruch destabilisiert das System, und die ihnen zugeteilte Zeit schrumpft dramatisch, von fünf Jahren auf wenige Stunden. Amy ist verletzt, zieht sich zurück, und wieder werden sie getrennt.

Doch die Sehnsucht bleibt. Und als Amy schließlich die Gelegenheit zu einem letzten Abschiedsmoment mit einer Person ihrer Wahl bekommt, zögert sie nicht. Sie wählt Frank. Die beiden treffen sich wieder, und in diesem Moment fasst Amy eine radikale Theorie. Ihre Welt, so vermutet sie, ist nicht real. Es ist ein Test, eine Simulation, und der einzige Weg, wirklich zu gewinnen, wirklich zusammen zu sein, besteht darin, zu rebellieren, dem System die Gefolgschaft zu verweigern, gemeinsam zu fliehen. Und so tun sie es. Amy und Frank entscheiden sich gegen das System, gegen die Vorschriften, gegen die zugeteilte Ordnung, und klettern gemeinsam über die große Mauer, die ihre Welt begrenzt, hinaus ins Ungewisse, Hand in Hand, bereit, alles zu riskieren, um zusammen zu sein.

Der Twist der Hoffnung

Und hier kommt die Enthüllung, die Hang the DJ zu etwas Besonderem macht, und die anders als fast alle Black-Mirror-Twists nicht verstört, sondern erwärmt. Als Amy und Frank über die Mauer klettern, finden sie dahinter keine neue Welt, sondern, sie lösen sich auf, verschwinden, und die Wahrheit wird sichtbar. Die ganze Welt, in der sie lebten, das System, die zugeteilten Beziehungen, die Mauer, all das war eine Simulation. Amy und Frank, denen wir die ganze Folge lang gefolgt sind, waren digitale Kopien, Simulationen, die in einer Dating-App liefen. Und diese App hatte nicht einen Durchlauf gestartet, sondern tausend. Tausendmal wurden simulierte Versionen von Amy und Frank zusammengebracht, getrennt, geprüft, und in 998 von diesen tausend Durchläufen rebellierten sie gegen das System und flohen gemeinsam.

Diese Zahl, 998 von 1000, ergibt einen Übereinstimmungswert von 99,8 Prozent. Die Simulation hat bewiesen, dass diese beiden Menschen füreinander bestimmt sind, dass sie sich in fast jeder denkbaren Version der Realität füreinander entscheiden würden, gegen alle Widerstände, gegen jedes System. Und in der letzten Szene sehen wir die echten Amy und Frank, die realen Menschen, wie sie sich zum ersten Mal in einer Bar begegnen, nachdem die App ihnen eine Übereinstimmung von 99,8 Prozent angezeigt hat. Sie sehen einander an, lächeln, ein wissendes, hoffnungsvolles Lächeln, und im Hintergrund erklingt der Smiths-Song mit seinem Refrain, hang the DJ.

Das ist die wunderbare Doppeldeutigkeit der Folge. Die Rebellion der simulierten Amy und Frank gegen das System war in Wahrheit genau das, was das System messen wollte. Ihre Auflehnung war der Beweis ihrer Liebe. Sie dachten, sie bekämpften den Algorithmus, und in Wahrheit erfüllten sie ihn, indem sie bewiesen, dass ihre Verbindung stärker war als jede Vorschrift. Der Algorithmus hat die Liebe nicht diktiert, er hat sie nur bestätigt. Die Liebe gewinnt, gerade indem sie sich gegen die Berechnung auflehnt.

Die ehrliche Einordnung

Hang the DJ gilt vielen als eine der besten Folgen der Serie, und sie wird oft in einem Atemzug mit San Junipero genannt, als Beweis, dass Black Mirror auch Hoffnung erzählen kann. Ihre Stärken sind beträchtlich. Die beiden Hauptdarsteller, Georgina Campbell und Joe Cole, haben eine wunderbare Chemie, ihre Beziehung wirkt von der ersten Minute an echt und berührend. Die Folge ist charmant, witzig, emotional, und ihr Twist ist einer der wenigen in der Serie, der nicht niederschmettert, sondern beglückt. Die Grundidee, die Dating-App, die tausend Simulationen laufen lässt, ist klug und erschreckend plausibel zugleich.

Kritische Einwände sind rar, aber es gibt sie. Manche finden die Folge etwas zu süß, zu konventionell romantisch für Black-Mirror-Verhältnisse, und der Twist, so clever er ist, nimmt der Liebesgeschichte rückwirkend etwas von ihrem Gewicht, denn die Amy und Frank, mit denen wir mitgefiebert haben, existieren ja gar nicht wirklich, sie waren nur Datenpunkte in einem Test. Ob die reale Liebe der echten Amy und Frank genauso tief sein wird wie die ihrer Simulationen, bleibt offen. Und die unheimliche Implikation, dass irgendwo tausend Kopien unseres Bewusstseins leiden und lieben könnten, nur damit eine App uns einen Prozentwert anzeigt, wird von der Folge zugunsten des Happy Ends eher beiseitegeschoben, obwohl sie, denkt man sie zu Ende, durchaus verstörend ist. Dieselbe Frage nach dem Leid digitaler Kopien, die USS Callister und White Christmas so ernst nehmen, wird hier charmant übergangen.

Doch das schmälert den Reiz der Folge kaum. Hang the DJ trifft präzise den Nerv einer Zeit, in der die Partnersuche zunehmend an Algorithmen delegiert wird, in der Apps versprechen, die Liebe berechnen zu können, in der Menschen einander nach Prozentwerten und Übereinstimmungen auswählen. Die Folge stellt die Frage, ob das funktionieren kann, ob sich die Liebe in Daten fassen lässt, und sie gibt eine überraschend versöhnliche Antwort. Vielleicht kann ein Algorithmus tatsächlich vorhersagen, wer zueinander passt. Aber die Liebe selbst, das Entscheidende, das Unberechenbare, entsteht erst in dem Moment, in dem sich zwei Menschen gegen alles entscheiden, was sie trennen will, in dem sie rebellieren, über die Mauer klettern, das Risiko eingehen. Der Algorithmus kann die Kompatibilität messen. Aber die Liebe ist der Sprung über die Mauer, und den muss man selbst wagen.

Hang the DJ ist damit eine seltene, kostbare Folge, die zeigt, dass die Technik nicht immer der Feind sein muss, dass sie manchmal sogar dabei helfen kann, zu finden, wonach wir uns alle sehnen. Die Liebe gegen den Algorithmus, und am Ende gewinnen beide. Hängt den DJ, singt das Lied, und doch war es der DJ, der die beiden zusammenbrachte. Es ist ein schöner Widerspruch, und eine hoffnungsvolle Note in einer ansonsten so dunklen Serie. Manchmal, so sagt Hang the DJ, spielt die Maschine genau das richtige Lied.

Black Mirror, Hang the DJ. Staffel 4, Episode 4. Großbritannien/USA 2017, Netflix. Regie: Tim Van Patten. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Georgina Campbell, Joe Cole, George Blagden. Laufzeit rund 51 Minuten. Der Titel stammt aus dem Lied Panic der Band The Smiths. Eine der seltenen hoffnungsvollen Folgen der Serie, oft mit San Junipero verglichen. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Online-Dating · Liebe · Charlie Brooker · dystopien.de

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