Cyberpunk 2077: Die Dystopie, die sich selbst bewiesen hat

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Es gibt einen Moment in Cyberpunk 2077, der alles über das Spiel sagt — und vielleicht mehr über die Welt drumherum, als den Machern lieb sein dürfte. Man steht in Night City, dieser brutalen, leuchtenden, vollkommen gleichgültigen Metropole, und schaut auf Werbetafeln, die einem Körpermodifikationen, Drogen und Lifestyle-Produkte verkaufen wollen. Megakonzerne kontrollieren jeden Aspekt des Lebens. Wer kein Geld hat, ist nichts. Wer Geld hat, kauft sich Unsterblichkeit.

Und dann erinnert man sich daran, wie dieses Spiel auf den Markt gekommen ist.

CD Projekt Red, das polnische Studio hinter Cyberpunk 2077, hatte jahrelang Versprechen gemacht — über die offene Welt, über die KI, über die technische Perfektion. Sie hatten Gameplay-Material gezeigt, das dem fertigen Produkt nicht entsprach. Sie hatten Reviewer-Kopien nur für PC verschickt und die katastrophal fehlerhafte Konsolenversion erst nach dem Launch sichtbar werden lassen. Und sie hatten das PlayStation-Logo in ihrer Werbung verwendet — obwohl Sony das Spiel kurz nach Release wegen seiner technischen Mängel aus dem PlayStation Store entfernte.

Ein Spiel über korporative Lügen. Vermarktet durch korporative Lügen. Das ist keine Ironie. Das ist Beweis.

Night City: Die schönste Hölle der Spielgeschichte

Was Cyberpunk 2077 trotz allem zu Platz 1 unserer Liste der 25 besten dystopischen Spiele macht, ist Night City selbst. Als Schauplatz, als visuelles und atmosphärisches Gesamtkunstwerk, hat das Spiel seinesgleichen.

Night City ist nicht einfach eine große Spielwelt. Es ist eine Gesellschaftsanalyse in Architektur. Die Wolkenkratzer der Megakonzerne ragen über Favelas, in denen Menschen zwischen Müll und Neonlicht überleben. Körpermodifikationen sind so alltäglich wie Kleidung — und genauso ein Statussymbol. Wer sich die besten Implantate leisten kann, ist überlegen. Wer es nicht kann, verkauft seinen Körper auf andere Weise.

Die Konzerne haben Namen wie Militech, Arasaka, Biotechnica — und sie funktionieren wie Staaten. Sie haben Armeen, Gerichte, Gefängnisse. Der eigentliche Staat ist eine Fassade. Die Macht liegt bei denen, die die Infrastruktur besitzen.

Das ist keine Science-Fiction-Fantasie. Es ist eine Extrapolation von Tendenzen, die heute bereits sichtbar sind — in der Marktmacht von Technologiekonzernen, in privaten Sicherheitsdiensten, in der Kommodifizierung von Gesundheit und Körper.

V und Johnny Silverhand: Zwei Arten zu sterben

Der Protagonist — V, dessen Geschlecht und Hintergrund der Spieler wählt — ist kein Held. V ist ein Söldner, der Geld verdienen will und dabei in etwas hineingezogen wird, das größer ist als er oder sie. Das ist die richtige Hauptfigur für Night City: kein Idealist, kein Retter, sondern jemand, der das System kennt und trotzdem darin mitmacht, bis es ihn verschluckt.

Johnny Silverhand, gespielt und mo-cap’d von Keanu Reeves, ist das Gegenprinzip: ein Rockstar-Terrorist, der Arasaka in die Luft gesprengt hat und jetzt als digitaler Geist in Vs Kopf lebt. Er hasst die Konzerne mit einer Leidenschaft, die ihn selbst zerstört hat. Er ist kein Vorbild — er ist eine Warnung. Rebellion ohne Struktur, Wut ohne Ziel, Freiheit als Selbstzerstörung.

Die Spannung zwischen V und Johnny ist das philosophische Zentrum des Spiels: Passt man sich an und überlebt oder widersteht man und verbrennt? Night City gibt keine gute Antwort darauf. Es gibt nur schlechte und weniger schlechte.

Das Gameplay: Glänzend und gebrochen

Hier ist die Ehrlichkeit, die dieser Beitrag schuldet: Cyberpunk 2077 macht nicht so viel Spaß, wie es sollte. Nicht weil die Ideen fehlen, sondern weil die Umsetzung sie nicht trägt.

Die KI der Gegner ist schwach. Die offene Welt, so beeindruckend sie aussieht, fühlt sich oft wie Kulisse an — belebt, aber nicht lebendig. Missionen, die moralische Komplexität versprechen, lösen sich manchmal in simple Schusswechsel auf. Das Rollenspiel-System, das tiefe Entscheidungen versprach, ist flacher als die Vorgänger des Genres.

Nach mehreren Patches und dem Phantom Liberty-DLC ist das Spiel deutlich stabiler und reichhaltiger geworden. CD Projekt Red hat nachgebessert — ernsthaft und über Jahre. Das zählt. Aber es ändert nichts daran, dass das Spiel zum Launch in einem Zustand veröffentlicht wurde, der für Konsolenspieler schlicht unzumutbar war.

Ein Spiel über ein System, das seine Nutzer ausbeutet, hat seine Nutzer ausgebeutet. Das verdient keine Entschuldigung. Es verdient einen Platz in der Analyse.

Warum Cyberpunk 2077 trotzdem Platz 1 verdient

Weil kein anderes Spiel auf dieser Liste so konsequent dystopisch ist. Nicht nur in seinem Inhalt, sondern in seiner Existenz.

Night City ist die dichteste, detaillierteste, atmosphärisch überzeugendste dystopische Spielwelt, die je gebaut wurde. Die Themen — Korporatismus, Transhumanismus, Klassengesellschaft, die Kommodifizierung von Körper und Identität — sind nicht Dekoration. Sie sind Struktur. Man kann stundenlang durch Night City laufen und dabei mehr über die Logik des Spätkapitalismus lernen als in manchem Sachbuch.

Und die Meta-Ebene — das Spiel als Produkt, seine Entstehungsgeschichte, der Crunch der Entwickler, die Täuschung der Käufer — fügt eine Dimension hinzu, die kein anderes Spiel auf dieser Liste hat. Cyberpunk 2077 ist dystopisch bis in seine Produktionsbedingungen.

Das ist kein Lob. Aber es ist ein Grund, es an die Spitze zu setzen. Als Mahnmal genauso wie als Meisterwerk.

Cyberpunk 2077. Entwickler: CD Projekt Red. Publisher: CD Projekt. Erschienen: Dezember 2020. Verfügbar auf PC, PlayStation, Xbox, Switch.

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