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Es gibt Remakes, die einen Roman neu entdecken. Und es gibt Remakes, die beweisen, dass man einen Stoff verstanden hat — und trotzdem nichts Wesentliches damit anfangen kann. Firestarter von 2022 gehört zur zweiten Kategorie.
Der Film ist technisch kompetent. Er ist gut gefilmt. Zac Efron spielt solide. Und er ist, von der ersten bis zur letzten Minute, vollkommen folgenlos.

Das ist das Urteil, das wehtut — nicht weil der Film schlecht ist, sondern weil der Stoff so viel mehr hergibt. Kings Roman ist 2022 aktueller als 1980. Überwachungsstaaten, biometrische Daten, staatliche Programme ohne Kontrolle — die Welt hat The Shop eingeholt. Und der Film interessiert sich nicht dafür.
Zac Efron: Gegen das Image
Zac Efron ist einer der interessanteren Fälle des modernen Hollywood. Bekannt geworden durch High School Musical — das Inbegriff des harmlosen Teenie-Entertainments — hat er seit Jahren systematisch versucht, dieses Image zu verlassen. Mit Neighbors, mit Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile, in dem er Ted Bundy spielt, mit Iron Claw als tragischer Wrestler Kerry Von Erich.
Firestarter war ein weiterer Schritt in diese Richtung — ein ernstes, düsteres Material, ein Vater auf der Flucht, ein Mann am Rand seiner Kräfte. Efron gibt sich erkennbar Mühe. Er spielt Andy McGee nicht als Helden, sondern als erschöpften, überforderten Mann, der seine Tochter liebt und nicht weiß, wie er sie schützen soll.
Das Problem ist nicht seine Leistung. Das Problem ist, dass das Drehbuch ihm keinen Raum lässt, diese Erschöpfung wirklich zu entfalten. Die Szenen sind zu kurz, die Entwicklung zu gehetzt. Was im Roman über Hunderte von Seiten aufgebaut wird — die zermürbende Paranoia der Flucht, die langsame Erosion von Sicherheit — wird hier in neunzig Minuten abgehandelt.
Ryan Kiera Armstrong: Das Feuer ohne Wärme
Die eigentliche Hauptfigur ist Charlie — gespielt von Ryan Kiera Armstrong, die bereits in It Chapter Two und Black Adam aufgetreten war. Armstrong ist eine technisch versierte junge Schauspielerin. Sie beherrscht die Szenen, in denen Charlie ausrastet, in denen das Feuer kommt.
Was ihr der Film nicht gibt, ist das, was Barrymore 1984 hatte: Zeit. Zeit, um die Stille zwischen den Ausbrüchen zu füllen. Zeit, um zu zeigen, wer Charlie ist, wenn sie kein Feuer macht. Das Ergebnis ist eine Figur, die als Effekt funktioniert und als Mensch unterbelichtet bleibt.
Das ist das zentrale Versäumnis des Films. Kings Roman ist deshalb dystopisch, weil er zeigt, wie ein System ein Kind dehumanisiert — es zur Ressource macht, zum Werkzeug. Das funktioniert nur, wenn man das Kind vorher als Mensch kennt. Wenn man weiß, was verloren geht.
Was 2022 anders macht — und warum es nicht reicht
Die Neuverfilmung versucht an einigen Stellen, den Stoff zu aktualisieren. The Shop ist moderner, digitaler, gesichtsloser. John Rainbird — gespielt von Michael Greyeyes, einem indigenen Schauspieler, was die Figur in eine interessante Richtung verschiebt — ist weniger das psychopathische Monster der Originalversion und mehr ein Werkzeug eines Systems, das selbst keine Gesichter hat.
Das ist thematisch der richtige Instinkt. Staatliche Überwachung 2022 ist nicht mehr ein Mann im Trenchcoat — sie ist Infrastruktur. Sie ist Algorithmus. Sie hat kein Gesicht, dem man ins Auge sehen kann.
Aber der Film zieht diese Idee nicht durch. Er deutet sie an und wechselt dann zurück in den konventionellen Actionthriller-Modus. Als wäre er selbst erschrocken vor dem, was er hätte sein können.
Der Score von John Carpenter — ja, der John Carpenter, Regisseur von Halloween und The Thing, hier als Komponist — ist das Stärkste am Film. Elektronisch, kalt, beunruhigend. Er klingt wie ein besserer Film als der, den er begleitet.
1984 gegen 2022: Was die Zeit mit einem Stoff macht
Der Vergleich zwischen beiden Verfilmungen ist lehrreich. Nicht wegen der Qualität, sondern wegen der Haltung.
1984 ist ein Kind seiner Zeit: praktische Effekte, langsames Erzähltempo, Schauspieler die Raum bekommen. Der Film hat Schwächen, aber er hat auch Überzeugung. Man spürt, dass die Menschen dahinter an den Stoff geglaubt haben.
2022 ist ein Kind seiner Zeit: schnell, glatt, auf Streaming optimiert. Neunzig Minuten, kein Leerlauf, keine Stille. Das ist kein Vorwurf an die Beteiligten — es ist eine Beschreibung des Systems, in dem der Film entstanden ist. Eines Systems, das Inhalte produziert, nicht Werke. Das Plattformen befüllt, nicht Kinos füllt.
The Shop hätte diesen Film produziert. Effizient. Zweckmäßig. Ohne zu fragen, was er eigentlich sagen soll.
Warum dieser Film trotzdem auf dystopien.de gehört
Nicht wegen dem, was er ist. Sondern wegen dem, was er zeigt — über die Filmindustrie, über das Remake-System, über die Frage, was mit einem Stoff passiert, wenn er durch eine Maschinerie läuft, die Profit vor Haltung stellt.
Firestarter 2022 ist selbst eine kleine Dystopie. Ein Werk, das entkernt wurde. Dem man die Seele herausoperiert hat — nicht aus Bosheit, sondern aus Kalkül. Das Ergebnis funktioniert. Es läuft. Es brennt sogar, manchmal.
Aber es leuchtet nicht.
Firestarter. USA 2022. Regie: Keith Thomas. Hauptdarsteller: Zac Efron, Ryan Kiera Armstrong, Michael Greyeyes. Score: John Carpenter, Cody Carpenter, Daniel Davies. Basierend auf dem Roman von Stephen King (1980).
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