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Das Ich. Es gibt einen bitteren, fast unheimlichen Widerhall im Tod von Bruno Kramm. Der Mann, dessen Lebenswerk sich um die deutsche Sprache, um Philosophie und um den Tod drehte, um eine Kunstform, die den Namen Neue Deutsche Todeskunst trägt, ist selbst gestorben, wie es sich kaum tragischer und zugleich konsequenter denken ließe. Nach einem Konzert. Auf der Bühne war er noch, dann brach er in der Garderobe zusammen. In der Nacht zum Samstag, dem 26. September 2026, starb Bruno Kramm im spanischen Granada, wenige Stunden nach dem ersten Auftritt seiner Band Das Ich in Südspanien. Er wurde 58 Jahre alt.
Für die deutsche und europäische Gothic-Szene ist das ein schwerer Verlust. Kramm war nicht irgendein Musiker. Er war einer der Architekten eines ganzen Genres, ein Komponist, Produzent und Klangtüftler, der über mehr als drei Jahrzehnte den Sound der dunklen deutschen Musik mitprägte. Auf dystopien.de nehmen wir seinen Tod zum Anlass, an ihn und an das Werk von Das Ich zu erinnern, eine Band, die den Tod, die Vergänglichkeit und die Abgründe der menschlichen Seele zum Zentrum ihrer Kunst machte.

Bruno Kramm und die Gründung von DAS ICH
Bruno Kramm gründete Das Ich 1989 gemeinsam mit dem Sänger Stefan Ackermann. Von Anfang an war es ein Duo der Gegensätze, und gerade daraus bezog es seine Kraft. Ackermanns Stimme war schrill, schnell, expressiv, geradezu manisch. Kramms Beiträge, an den Keyboards, als zweite Stimme, als Komponist, waren das dunkle, tiefe, getragene Gegengewicht. Kramm war der Klangarchitekt, der Mann hinter den Reglern, der den charakteristischen Sound der Band entscheidend formte, die Verbindung aus elektronischer Musik, klassischen Elementen, Industrial und einer theatralischen, expressionistischen Wucht.
Kramm war zudem eine unverwechselbare Erscheinung. Bekannt für seine markante, zu Hörnern aufgetürmte Frisur, für seine aufwendige Bühnenschminke, die ihn oft stärker maskiert zeigte als seinen Sängerkollegen, verkörperte er die theatralische, düstere Ästhetik der Band auch körperlich. Doch er war mehr als ein Bühnenkünstler. Als Produzent und Gründer des Labels Danse Macabre arbeitete er mit zahllosen weiteren Bands und Künstlern der Gothic- und Alternative-Szene zusammen und wurde so zu einer prägenden Figur weit über die eigene Band hinaus. Auch politisch engagierte er sich, in der Piratenpartei, besonders in Fragen des Urheberrechts, ein Musiker, der sich für die Rechte der Kreativen einsetzte.
Die Neue Deutsche Todeskunst
Das Ich gehört, gemeinsam mit Bands wie Goethes Erben und Lacrimosa, zu den Begründern und wichtigsten Vertretern einer Strömung, die einen der eindrucksvollsten Namen der Musikgeschichte trägt, die Neue Deutsche Todeskunst. Der Begriff, entstanden Anfang der neunziger Jahre, bezeichnet eine spezifisch deutsche Spielart des Dark Wave und Gothic, die sich durch mehrere Merkmale auszeichnet. Deutschsprachige, oft lyrisch und philosophisch anspruchsvolle Texte. Eine intensive Beschäftigung mit Tod, Vergänglichkeit, Schuld, den Abgründen der Psyche. Eine theatralische, expressionistische Ästhetik, die Anleihen beim Kabarett, beim Theater, bei der klassischen Musik nahm.
Das Ich war die vielleicht konsequenteste Verkörperung dieser Idee. Ihre Texte griffen auf Philosophie und Literatur zurück, kreisten um die großen existenziellen Fragen, um den Tod Gottes, um Kain und Abel, um die menschliche Natur. Stücke wie Gottes Tod, Kain und Abel und später das vielgespielte Destillat wurden zu festen Größen der Schwarzen Szene, zu Klassikern, die auf keinem Gothic-Abend fehlen durften. Der Name der Band selbst, Das Ich, verweist auf die psychoanalytische Instanz, auf die Erkundung des Selbst, seiner dunklen Kammern und verdrängten Tiefen. Es war Musik, die nicht unterhalten, sondern erschüttern und zum Nachdenken zwingen wollte.
Die Neue Deutsche Todeskunst nahm den Tod nicht als Schockeffekt, sondern als Gegenstand ernsthafter künstlerischer Auseinandersetzung. Sie stellte die Fragen, die unsere Kultur am liebsten verdrängt. Bruno Kramm gab ihnen einen Klang.
Warum DAS ICH auf dystopien.de gehört
Weil ihre Kunst im Kern das verhandelt, was auch das dystopische Denken antreibt, die Konfrontation mit den dunklen Wahrheiten der menschlichen Existenz. Das Ich entwarf keine dystopischen Gesellschaften wie Orwell, aber sie erkundeten die innere Dystopie, die Abgründe der Seele, die Vergänglichkeit, den Tod, die Schuld, die Verzweiflung. Ihre Musik ist die klangliche Entsprechung jener existenziellen Dunkelheit, die auch die düstere Literatur und der düstere Film umkreisen. Sie gehört zum selben Kosmos wie Blutengel, wie Lacrimosa, wie die ganze Schwarze Szene, über die wir hier schreiben, zu jener Kultur, die sich weigert, das Dunkle zu verdrängen, und es stattdessen zur Kunst erhebt.
Und weil Bruno Kramm zu jenen Künstlern gehörte, die diese Kultur nicht nur bedienten, sondern schufen. Er war ein Pionier, ein Wegbereiter, einer, der einer ganzen Generation von Musikern und Hörern eine Sprache gab für das, was sich sonst schwer sagen lässt. Über drei Jahrzehnte hielt er mit Das Ich diese Fahne hoch, kompromisslos, künstlerisch eigenständig, unabhängig. Erst im Oktober 2025 hatte sich die Band nach langer Pause mit einem neuen Album zurückgemeldet, Fanal, und war 2026 wieder regelmäßig live unterwegs, auf jener Tour, die nun in Granada ihr jähes, tragisches Ende fand.
Dass Bruno Kramm nach einem Konzert starb, mit den Instrumenten kaum verstummt, ist von einer Symbolik, die schwer zu ertragen ist. Er gab sein letztes Konzert, und dann ging er. Ein Künstler, der bis zuletzt auf der Bühne stand, der die Musik machte, die sein Leben war. Man wünschte sich, es wäre anders gekommen. Aber es gibt vielleicht keinen konsequenteren Abschied für einen Mann, der der Todeskunst sein Leben widmete, als der Tod im Augenblick der Kunst.
Die Neue Deutsche Todeskunst hat einen ihrer Gründerväter verloren. Die Schwarze Szene trauert um einen ihrer Prägendsten. Was bleibt, ist die Musik, die Kramm geschaffen hat, dunkel, tief, philosophisch, unverwechselbar. Sie wird weiterklingen, auf den Tanzflächen, in den Kopfhörern, in den Herzen derer, die mit ihr aufwuchsen und in ihr eine Heimat fanden.
Ruhe in Frieden, Bruno Kramm.
Bruno Kramm, 1968 bis 2026. Musiker, Komponist und Produzent, Mitgründer der Band Das Ich (1989, gemeinsam mit Stefan Ackermann), einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Deutschen Todeskunst. Gründer des Labels Danse Macabre, Produzent zahlreicher Szene-Künstler, politisch aktiv in Urheberrechtsfragen. Gestorben in der Nacht zum 26. September 2026 im Alter von 58 Jahren nach einem Konzert im spanischen Granada. Das jüngste Album von DAS ICH, Fanal, erschien im Oktober 2025.
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