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Die Gelehrtenrepublik: Die Insel der Geister im Kalten Krieg

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Die Gelehrtenrepublik. Es gibt eine Pointe in diesem Buch, die so bitter und so klug ist, dass sie den ganzen Roman trägt. Der Bericht, den man liest, wurde ursprünglich auf Englisch geschrieben und dann ins Deutsche übersetzt. Warum? Weil Deutsch im Jahr 2008 eine tote Sprache geworden ist, und ein Gesetz erlaubt es, politisch anstößige Schriften dadurch unschädlich zu machen, dass man sie in eine tote Sprache überträgt, die kaum noch jemand liest. Die deutsche Sprache als Giftschrank, als Endlager für unbequeme Wahrheiten. Kaum ein Bild fasst den kulturellen Pessimismus von Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik von 1957 schärfer.

Der Roman, den Schmidt selbst einen Kurzroman aus den Roßbreiten nannte, gehört zu den eigenwilligsten und sprachlich radikalsten deutschsprachigen Dystopien überhaupt. Er ist eine utopische Satire im Gewand eines Reiseberichts, eine Abrechnung mit dem Kalten Krieg, mit der atomaren Bedrohung und mit einer Menschheit, die selbst ihre klügsten Köpfe nur als Figuren im Machtspiel der Supermächte behandelt. Und er ist, das sei gleich gesagt, ein schwieriges Buch, geschrieben von einem der kompromisslosesten Sprachkünstler der deutschen Literatur.

Arno Schmidt: Der Einzelgänger der Sprache

Arno Schmidt, geboren 1914 in Hamburg, gestorben 1979 in der niedersächsischen Einöde bei Celle, ist eine Ausnahmefigur der deutschen Literatur, ein radikaler Einzelgänger, dessen Werk bis heute als schwer zugänglich, ja als sperrig gilt. Er war kein Autor für das breite Publikum, sondern ein Sprachbesessener, der die deutsche Sprache in ihre Bestandteile zerlegte und neu zusammensetzte. Seine berüchtigte, eigenwillige Orthografie, seine Wortspiele, seine Anspielungen, seine gebrochene, fragmentierte Syntax machen die Lektüre zur Herausforderung. Sein Spätwerk Zettels Traum, ein Koloss von über tausend großformatigen Seiten, gilt als eines der unlesbarsten Bücher der deutschen Literatur.

Vor dem Krieg arbeitete Schmidt als Lagerbuchhalter, nach Kriegsdienst und Gefangenschaft als Übersetzer und freier Schriftsteller, oft in bitterer Armut. Er war ein scharfer Kritiker der Kirche, des Staates, der Restauration der Nachkriegszeit, ein Aufklärer im emphatischen Sinn, misstrauisch gegen alle Ideologien und Autoritäten. Die Gelehrtenrepublik entstand 1957, mitten im Kalten Krieg, in der Zeit der atomaren Aufrüstung und der realen Angst vor dem dritten Weltkrieg. Sie gehört zu Schmidts vergleichsweise zugänglicheren Werken, was bei diesem Autor allerdings relativ zu verstehen ist.

Die Reise ins verstrahlte Amerika

Der Titel spielt auf ein Werk Friedrich Gottlieb Klopstocks von 1774 an, Die deutsche Gelehrtenrepublik, und Schmidt greift etliche Motive daraus satirisch auf. Sein Roman ist als Reisebericht angelegt, verfasst von einem amerikanischen Journalisten namens Charles Henry Winer, den Schmidt augenzwinkernd als seinen eigenen fiktiven Urgroßneffen ausgibt. Winer reist im Jahr 2008, wenige Jahre nach einem Atomkrieg, der Europa ausgelöscht hat, durch eine veränderte Welt.

Die erste Station seiner Reise ist der sogenannte Hominidenstreifen im Westen der USA, in Nevada, ein durch die atomare Strahlung verseuchtes Gebiet, in dem sich seltsame Mutationen gebildet haben. Winer begegnet dort unbekannten Wesen, Mischformen, die durch die Strahlung entstanden sind, darunter Zentauren, halb Mensch, halb Pferd. Mit einer dieser Zentaurinnen erlebt er sogar eine kurze Romanze. Diese Passagen, phantastisch, skurril, voller erfinderischer Bilder, gehören zu den stärksten des Buches und zeigen Schmidts wilde Vorstellungskraft.

Die Mutation ist bei Schmidt nicht nur biologisch. Sie ist das Bild einer Welt, die sich nach der Katastrophe in etwas Fremdes, Unkenntliches verwandelt hat. Der Mensch hat die Schöpfung vergiftet, und was zurückkriecht, ist nicht mehr menschlich.

IRAS, die Insel der Gelehrten

Das eigentliche Ziel von Winers Reise ist die titelgebende Gelehrtenrepublik selbst. Sie trägt den Namen IRAS, International Republic for Artists and Scientists, und sie ist eine gewaltige, künstliche Stahlinsel, die in den Roßbreiten des Pazifiks treibt, jenen windstillen Zonen des Ozeans. Auf dieser schwimmenden Insel haben die letzten großen Geister der Menschheit Zuflucht gefunden, fünftausend Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt, denen man hier Sicherheit und ungestörte Arbeitsmöglichkeiten verspricht, während der Rest der Welt in Trümmern liegt.

Das klingt nach einer Utopie, nach einem Refugium des Geistes, einer Arche für die Kultur. Doch Schmidt entlarvt diese schöne Idee gnadenlos. Denn die Insel ist geteilt, in einen westlich-amerikanischen und einen östlich-sowjetischen Sektor, und sie ist damit nichts anderes als ein weiterer Schauplatz des Kalten Krieges. Statt eines freien Reiches des Geistes herrschen auch hier Spionage, Misstrauen, gegenseitige Sabotage, ideologische Kontrolle. Die beiden Supermächte instrumentalisieren selbst ihre Künstler und Denker für den Machtkampf. Die Gelehrten sind keine freien Geister, sondern Gefangene, Vorzeigeobjekte, Werkzeuge im Systemwettstreit. Die Insel voller grausiger Überraschungen, wie es der Verlag formuliert, ist die bittere Widerlegung der Idee, dass sich der Geist der Politik entziehen könne.

Die tote Sprache und der spießige Übersetzer

Die raffinierteste Ebene des Romans ist seine Rahmenfiktion, und sie enthält Schmidts schärfste Satire. Winers englischer Bericht, so die Fiktion, wurde im Jahr 2008 von einem Deutschen ins Deutsche übersetzt, von einem gewissen Chr. M. Stadion, dessen Name ein Anagramm von Arno Schmidt ist. Dieser Stadion ist eine Karikatur, ein spießiger, begriffsstutziger, reaktionärer Restdeutscher, einer der letzten seiner Art, der stolz darauf ist, unter den wenigen Übriggebliebenen zu sein.

Und hier liegt die beißende Pointe. Stadion darf den anstößigen Bericht überhaupt nur übersetzen, weil ein Interworld-Gesetz die Veröffentlichung politisch anstößiger Schriften erlaubt, sofern man sie in eine tote Sprache überträgt. Und Deutsch ist im Jahr 2008 eine solche tote Sprache geworden, so bedeutungslos, dass niemand sich mehr die Mühe macht, sie zu zensieren. Das ist Schmidts vernichtendes Urteil über die Zukunft der deutschen Kultur, geschrieben von einem Deutschen, zwölf Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches. Die Sprache der Dichter und Denker, degradiert zum unschädlichen Endlager für Wahrheiten, die niemand mehr liest. Ein Autor, der seine eigene Sprache für dem Untergang geweiht erklärt, und der diese Prophezeiung ausgerechnet in dieser Sprache formuliert, in einer der kunstvollsten und eigenwilligsten Prosa, die das Deutsche hervorgebracht hat.

Die ehrliche Einordnung

Die Gelehrtenrepublik ist ein bedeutendes, aber ein forderndes Buch, und man muss ehrlich sagen, für wen es geeignet ist. Es ist Arno Schmidt, und das heißt, es ist sprachlich anspruchsvoll, anspielungsreich, voller Wortspiele, gelehrter Verweise und stilistischer Eigenheiten. Schmidt schreibt nicht, um es dem Leser leicht zu machen. Wer eine geradlinige, spannende Erzählung erwartet, wird von der dichten, verschachtelten, mit Anspielungen gespickten Prosa eher abgeschreckt. Es ist ein Buch, das Mitarbeit verlangt, Konzentration, idealerweise Vorwissen.

Auch die Dramaturgie ist nicht makellos. Mehrere Leser und Kritiker heben übereinstimmend hervor, dass die erste Hälfte, die phantastische Reise durch den Hominidenstreifen mit den Mutanten und Zentauren, stärker und reizvoller ist als die zweite, die auf der Gelehrteninsel spielt und stärker ins Satirisch-Diskursive abgleitet. Was als wildes, erfindungsreiches Abenteuer beginnt, wird in der zweiten Hälfte zur zunehmend zerfasernden Abrechnung mit dem Kalten Krieg. Die Wucht des Anfangs hält der Roman nicht ganz durch.

Es ist also kein Buch für den schnellen Zugang, kein Einstieg in die Dystopie für Ungeübte. Es ist ein Werk für Leser, die bereit sind, sich auf Schmidts eigene Welt einzulassen, auf seine Sprache, seinen Humor, seine kulturpessimistische Schärfe. Wer das tut, wird belohnt. Wer es nicht kann, sollte zu zugänglicheren Werken der Liste greifen.

Warum Die Gelehrtenrepublik auf Platz 23 unserer Liste steht

(Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien): Es eine der originellsten und sprachlich kühnsten deutschsprachigen Dystopien der Nachkriegszeit ist und weil es die zentrale Angst seiner Zeit, den Atomkrieg und die Teilung der Welt, in ein Bild von bleibender Kraft übersetzt. Die schwimmende Insel der Gelehrten, die eine Utopie sein sollte und doch nur der Kalte Krieg im Kleinen ist, das ist eine der treffendsten Metaphern für die Unfähigkeit des Menschen, der Logik von Macht und Feindschaft zu entkommen. Selbst dort, wo die klügsten Köpfe versammelt sind, siegt nicht der Geist, sondern die Ideologie. Selbst das Refugium der Kunst wird zum Schlachtfeld.

Und weil Schmidts Kulturpessimismus über seine Zeit hinausweist. Seine Vision einer Welt, in der die deutsche Sprache und Kultur bedeutungslos geworden ist, in der der Geist nur noch als Vorzeigeobjekt der Mächtigen geduldet wird, in der die Katastrophe die Schöpfung in Mutanten verwandelt hat, ist mehr als eine Momentaufnahme des Kalten Krieges. Es ist eine grundsätzliche Skepsis gegen den Fortschritt, gegen die Politik, gegen die Fähigkeit des Menschen, mit seiner eigenen Macht verantwortlich umzugehen.

Die Gelehrtenrepublik ist damit die intellektuellste, sprachbewussteste Dystopie auf unserer Liste, ein Werk für Kenner, kein Buch für nebenbei. Es fordert seinen Leser, aber es belohnt ihn mit einer Fülle an Ideen, Bildern und sprachlicher Erfindungskraft, die ihresgleichen sucht. Arno Schmidt hat eine Zukunft entworfen, in der der Geist auf einer treibenden Insel gefangen ist, geteilt, bewacht, instrumentalisiert. Und er hat sie in einer Sprache geschrieben, die selbst beweist, was auf dieser Insel verloren geht. Die Freiheit und die Kraft des unabhängigen Denkens.

Dass er dafür ausgerechnet die deutsche Sprache wählte, die er im Buch für tot erklärt, ist die letzte, tiefste Ironie. Ein Nachruf auf die eigene Kultur, geschrieben in ihrer schönsten Form.

Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten. Erstmals erschienen 1957. Angelegt als fiktiver Reisebericht des Journalisten Charles Henry Winer aus dem Jahr 2008, angeblich aus dem Amerikanischen übersetzt von Chr. M. Stadion, einem Anagramm des Autornamens. Der Titel spielt auf Klopstocks Die deutsche Gelehrtenrepublik von 1774 an. Neuausgabe bei Suhrkamp mit einem Nachwort von Dietmar Dath.

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