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Demon 79: Drei Morde gegen das Ende der Welt (Black Mirror 6.5)

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Demon 79. Mit dem Staffelfinale der sechsten Staffel verlässt Black Mirror sein angestammtes Terrain endgültig. Demon 79 trägt nicht einmal mehr das vertraute Logo. Die Folge eröffnet mit dem Schriftzug Red Mirror, als wäre sie das erste Stück einer ganz anderen Serie, und genau das ist Programm. Keine Technologie, keine nahe Zukunft, kein glänzendes Gerät. Stattdessen ein übernatürlicher Horrorfilm im Nordengland des Jahres 1979, mit einem Dämon, einem Talisman und der uralten Frage, ob man töten darf, um Schlimmeres zu verhindern. Es ist der radikalste Bruch mit dem Black-Mirror-Format in der ganzen Serie, und für viele Zuschauer das überraschende Highlight der Staffel.

Die Folge spielt am Vorabend der Thatcher-Ära, in einer trostlosen englischen Kleinstadt, geprägt von wirtschaftlichem Niedergang, dumpfem Alltagsrassismus und einer aufgeheizten, fremdenfeindlichen Stimmung. In dieses Milieu setzt Brooker eine Hauptfigur, die dort kaum einsamer sein könnte.

Black Mirror

Nida und der Dämon

Nida, gespielt von Anjana Vasan, ist eine schüchterne, zurückgezogene Verkäuferin in einem Kaufhaus, eine junge Frau südasiatischer Herkunft in einer Stadt, die Menschen wie sie mit Misstrauen und offener Verachtung behandelt. Sie erträgt die rassistischen Sticheleien ihrer Kolleginnen, die Herablassung der Kundschaft, die Einsamkeit eines Lebens, in dem niemand sie wirklich sieht. In ihrem Inneren aber brodelt es. Nida pflegt dunkle Rachefantasien gegen jene, die sie quälen, Fantasien, die sie sich selbst kaum eingesteht.

Eines Tages findet sie im Keller des Kaufhauses einen alten Talisman. Als sie versehentlich einen Tropfen Blut darauf vergießt, erscheint ihr Gaap, ein Dämon, gespielt von Paapa Essiedu, der ihr in der Gestalt eines charmanten Popstars der Siebziger entgegentritt. Gaap überbringt ihr eine unmögliche Nachricht. Die Apokalypse steht bevor, das Ende der Welt, in nur drei Tagen. Und nur Nida kann sie verhindern. Der Preis dafür ist grausam. Sie muss innerhalb dieser drei Tage drei Menschen töten. Gelingt ihr das, bleibt die Welt bestehen. Versagt sie, geht die gesamte Menschheit unter.

Töte drei Menschen, oder die ganze Welt stirbt. Die schüchternste Frau der Stadt bekommt die blutigste Entscheidung der Menschheit in die Hand gelegt.

Die Last der Rettung

Was folgt, ist die Geschichte einer zutiefst widerwilligen Mörderin. Nida ist keine Killerin, sie ist ein sanfter, verängstigter Mensch, und die Folge zieht ihre ganze Spannung daraus, wie diese Frau mit einer Aufgabe ringt, die ihrem Wesen vollkommen widerspricht. Gaap begleitet sie, mal verführerisch, mal drängend, mal fast fürsorglich, und zwischen den beiden entsteht eine seltsame, berührende Bindung. Der Dämon wird zum einzigen Wesen, das Nida zuhört, das sie nicht verachtet, und gerade das macht die moralische Falle der Folge so wirksam.

Denn die Folge spielt mit einer unauflösbaren Frage. Nida kann nie ganz sicher sein, ob Gaap die Wahrheit sagt, ob die Apokalypse real ist oder ob sie einer Einbildung, einem Wahn, einer Manipulation aufsitzt. Tötet sie Unschuldige, um eine Katastrophe abzuwenden, die es vielleicht gar nicht gibt? Oder trägt sie wirklich das Schicksal der Welt auf ihren Schultern? Die Folge lässt diese Frage lange offen und zwingt den Zuschauer, mit Nida mitzuleiden und zugleich an ihr zu zweifeln. Wie die Folge diese Spannung auflöst, in einem Ende von bemerkenswerter Konsequenz und Bitterkeit, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel. Es ist kein Ende, das Trost spendet.

Die ehrliche Einordnung

Demon 79 ist der mutigste Schritt der sechsten Staffel und für viele Kritiker ihr bester. Die Folge gibt vor, gar kein Black Mirror mehr zu sein, und findet gerade in dieser Freiheit zu einer Geschlossenheit und emotionalen Tiefe, die manchen anderen Episoden der Staffel fehlt. Sie ist stilsicher inszeniert, die Siebziger-Ästhetik sitzt, der Ton schwankt gekonnt zwischen schwarzer Komödie, Horror und echtem Mitgefühl, und Anjana Vasan trägt die Folge mit einer Darstellung, die Nidas Verwandlung von der geduckten Verkäuferin zur verzweifelten Weltretterin glaubwürdig und anrührend macht.

Man kann einwenden, dass eine Folge ohne jede Technologie und ohne Zukunftsbezug im strengen Sinne keine Dystopie mehr ist, und das stimmt. Demon 79 ist ein übernatürlicher Horror, eine moralische Parabel, eine Fabel über Rache, Schuld und die Frage, wie viel Gewalt ein Zweck rechtfertigt. Doch die Folge trägt den dystopischen Geist in sich, auch ohne dystopische Mittel. Denn ihr eigentliches Thema ist nicht der Dämon, sondern die Gesellschaft, in der Nida lebt. Eine Welt des alltäglichen Hasses, der Ausgrenzung, der dumpfen Fremdenfeindlichkeit, die einen Menschen so lange klein und unsichtbar macht, bis in ihm der Gedanke an Gewalt zur einzigen Form von Handlungsmacht wird. Der Dämon gibt Nida nicht ihre Dunkelheit, er gibt ihr nur die Erlaubnis, sie auszuleben. Die Frage, die die Folge stellt, ist, ob eine Gesellschaft, die Menschen so behandelt, sich über das Monster wundern darf, das sie erschafft.

Darin liegt die Verbindung zur eigentlichen Black-Mirror-DNA. Die Serie hat immer davon erzählt, wie Systeme Menschen formen, deformieren und zu Taten treiben, die sie nie für möglich gehalten hätten. Meist war das System die Technologie. In Demon 79 ist es die Gesellschaft selbst, der Rassismus, die Einsamkeit, die Entwürdigung. Dass Brooker das Staffelfinale ausgerechnet mit dieser genre-fremdesten aller Folgen bestreitet, ist ein Statement. Black Mirror, so die Botschaft, war nie nur eine Serie über Technik. Es war immer eine Serie über uns, über das, was wir werden, wenn man uns lange genug in die Enge treibt. Und manchmal braucht es dafür keinen Bildschirm, sondern nur einen Talisman, einen Dämon und eine Stadt, die weggesehen hat, bis es zu spät war.

Black Mirror, Demon 79. Staffel 6, Episode 5. Großbritannien/USA 2023, Netflix. Regie: Toby Haynes. Drehbuch: Charlie Brooker und Bisha K. Ali. Darsteller: Anjana Vasan, Paapa Essiedu, Katherine Rose Morley. Laufzeit rund 75 Minuten. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Horror · Übernatürliches · Gesellschaftskritik · Charlie Brooker · dystopien.de

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