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Skinny Puppy: Als die Musik selbst zur Waffe wurde

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Skinny Puppy. Es gibt eine Geschichte in der Welt der dunklen Musik, die so bitter, so grotesk und so dystopisch ist, dass sie kaum zu glauben wäre, hätte sie sich nicht wirklich zugetragen. Eine Band macht über Jahrzehnte Musik, die bewusst verstören soll, die Gewalt, Folter und Grausamkeit anprangert, als Mahnung, als Protest. Und dann erfährt sie, dass ausgerechnet diese Musik missbraucht wurde, um Gefangene zu foltern, eingesetzt vom US-Militär. Nicht als Metapher. Wörtlich. In den Verhörzellen von Guantánamo Bay. Das ist die Geschichte von Skinny Puppy, und sie ist der Schlüssel zu allem, wofür diese Band steht.

Skinny Puppy, 1982 im kanadischen Vancouver gegründet, gehört zu den einflussreichsten und kompromisslosesten Bands des Industrial. Sie sind die härtere, politischere, verstörendere Kante jenes Genres, zu dem auch Front 242 und Combichrist gehören, über die wir hier bereits geschrieben haben. Aber wo andere mit der Ästhetik der Gewalt spielen, meinten Skinny Puppy es todernst. Ihre Musik war von Anfang an Protest, Anklage, Aufschrei, und die Themen, die sie verhandelten, Tierquälerei, chemische Kriegsführung, Umweltzerstörung, Überwachung, Folter, sind der Stoff, aus dem Dystopien gemacht sind.

cEvin Key, Nivek Ogre und die Geburt eines Sounds

Skinny Puppy entstand 1982 als experimentelles Nebenprojekt von cEvin Key, bürgerlich Kevin Crompton, der damals noch in der New-Wave-Band Images in Vogue spielte. Key suchte nach etwas Größerem, Dunklerem, Radikalerem als dem gefälligen Synthpop seiner Zeit, inspiriert vom punkigen Lärm von Throbbing Gristle, von der düsteren Kante von Cabaret Voltaire, von Kraftwerk und Suicide. Als der Sänger Nivek Ogre, bürgerlich Kevin Ogilvie, dazustieß, wurde aus dem Nebenprojekt eine der prägendsten Bands des Genres. Um der Verwirrung mit zwei Mitgliedern namens Kevin zu entgehen, legten sich die beiden ihre Kunstnamen zu, cEvin Key und Nivek Ogre.

Über dreizehn Studioalben und zahllose Touren hinweg blieben Key und Ogre die beiden Konstanten der Band. Gemeinsam schufen sie einen Sound, den man hart elektronisch nennen könnte, eine Verbindung aus mechanischen, verzerrten Beats, düsteren Klanglandschaften, verstörenden Film-Samples und Ogres einzigartiger Stimme, die zwischen gequältem Flüstern und manischem Schrei wechselt, oft im selben Stück. Ein Kritiker bemerkte, Ogre sei einer der wenigen Sänger des Industrial, dessen Stimme inmitten des Lärms und der Beats geradezu poetisch klinge. Dieser Kontrast, die Spannung zwischen Schönheit und Brutalität, zwischen dem fast Melodischen und dem unerträglich Harten, ist das Markenzeichen von Skinny Puppy.

Zur klassischen Besetzung gehörte ab Mitte der achtziger Jahre auch Dwayne Goettel an den Synthesizern. Seine Geschichte endete tragisch. 1995, kurz nachdem Ogre die Band zunächst verlassen hatte, starb Goettel an einer Überdosis Heroin. Es war das vorläufige Ende von Skinny Puppy, das erst Jahre später, 2003, in einer Reunion überwunden wurde.

Die Themen: Vivisektion, Krieg, Zerstörung

Was Skinny Puppy von vielen anderen Bands des Genres unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit und Konsequenz ihres politischen Engagements. Ihre Musik, ihre Texte, ihre ganze Ästhetik waren von Anfang an mit den großen gesellschaftlichen Themen verwoben. Das wichtigste davon, von Beginn an, waren die Tierrechte. Der Bandname selbst spielt darauf an, und das vielleicht wichtigste Album der Band trägt den sprechenden Titel VIVIsectVI, zu lesen als vivisect six, ein Verweis auf die Vivisektion, die Tierversuche am lebenden Objekt.

Das Album von 1988 widmet sich mit voller Wucht der Tierquälerei, der chemischen Kriegsführung, der Umweltzerstörung. Der berühmte Song Testure daraus ist ein Wortspiel aus test und torture, aus Versuch und Folter, und setzt die Tierversuche mit Folter gleich. Diese Haltung war keine Pose. Sie führte sogar zu einer handfesten Konfrontation mit der Staatsmacht. Bei einem Konzert in Cincinnati wurden Ogre, Key und ihr Tourmanager verhaftet, weil ein Zuschauer, der glaubte, das Plüschtier, das Ogre auf der Bühne zur Anprangerung der Vivisektion aufschnitt, sei ein echter Hund, die Polizei rief. Die Grenze zwischen Kunst und Realität, zwischen Darstellung und Tat, war bei Skinny Puppy immer bewusst dünn.

Skinny Puppy spielten nicht mit dem Grauen, um zu schockieren. Sie zeigten das Grauen, um aufzurütteln. Ihre Musik ist unbequem, weil die Wahrheiten, die sie verhandelt, unbequem sind.

Guantánamo: Als die Anklage zur Waffe wurde

Und dann kam die Geschichte, die alles überstrahlt und die Skinny Puppy einem Publikum weit über die Szene hinaus bekannt machte. In den frühen zweitausender Jahren, während des sogenannten Krieges gegen den Terror, erfuhr die Band über einen zuverlässigen Kontakt, einen ehemaligen Wachmann, dass ihre Musik im Gefangenenlager Guantánamo Bay eingesetzt wurde, um Häftlinge zu foltern. Vier ihrer Songs, in unerträglicher Lautstärke und Dauerschleife abgespielt, um die Gefangenen zu zermürben, zu desorientieren, zu brechen. Ohne Wissen der Band, ohne ihre Erlaubnis, gegen alles, wofür sie stand.

Die Ironie ist von einer Grausamkeit, die kaum auszuhalten ist. Eine Band, die ihr Leben lang gegen Folter und Grausamkeit ansang, deren Musik bewusst verstören sollte, um auf Unrecht aufmerksam zu machen, musste erfahren, dass genau diese Musik zum Instrument eben jenes Unrechts wurde. Die Anklage war zur Waffe geworden. Das Kunstwerk, gedacht als Protest gegen die Folter, wurde selbst zum Folterwerkzeug.

cEvin Key reagierte darauf mit einer Haltung, die bezeichnend ist. Er war weniger beleidigt darüber, dass man seine Musik als Qual empfand, denn das Verstören war ja durchaus beabsichtigt, als empört darüber, dass die Regierung sein Werk ohne Zustimmung benutzte und es als echte Waffe gegen Menschen einsetzte. Und Skinny Puppy wählten eine Antwort, die radikaler und klüger kaum sein könnte. Sie stellten der US-Regierung eine Rechnung. 666.000 Dollar, die Teufelszahl als bittere Pointe, als Gebühr für die unerlaubte Nutzung ihrer Musik. Und sie machten aus dem ganzen Vorgang ein Album, erschienen 2013, mit dem treffenden Titel Weapon, Waffe. Die Idee, so Ogre, sei ursprünglich gewesen, das Album tatsächlich zu einer Waffe zu machen, Musik zu schreiben, um damit zu foltern, und so den Spieß umzudrehen. Aus dem Missbrauch wurde Kunst, aus der Ohnmacht ein Protest, aus der Rechnung ein politisches Statement von seltener Wucht.

Die ehrliche Einordnung

Skinny Puppy sind keine leichte Kost, und das muss man klar sagen. Ihre Musik ist für viele Hörer schwer zugänglich, ja unerträglich. Sie ist harsch, verzerrt, chaotisch, bewusst unschön. Wo Bands wie VNV Nation oder Blutengel das Dunkle mit Melodie und Eingängigkeit verbinden, verweigern Skinny Puppy oft genau diese Zugänglichkeit. Ihre Klanglandschaften sind dicht, lärmend, verstörend, Ogres Stimme wechselt vom Flüstern zum Schrei, die Strukturen brechen auf, Samples von Gewalt und Grauen durchziehen die Stücke. Das ist Absicht, aber es ist eine Zumutung, und sie will es sein. Wer Tanzbarkeit oder Harmonie sucht, ist hier falsch.

Auch muss man sagen, dass die Kompromisslosigkeit der Band ihren Preis hatte. Skinny Puppy waren nie eine kommerziell erfolgreiche Band im großen Stil, ihr Einfluss ist weit größer als ihre Verkaufszahlen. Und ihre schockierenden Bühnenshows, die Kunstblut, Tierkadaver-Attrappen und verstörende Inszenierungen einsetzten, waren und sind umstritten. Manche sehen darin notwendige Provokation im Dienst einer Botschaft, andere bloßen Schockeffekt. Diese Debatte, wo die Grenze zwischen aufrüttelnder Kunst und reiner Zumutung verläuft, begleitet die Band bis heute.

Aber anders als bei mancher Band, die mit Gewaltästhetik nur kokettiert, steht bei Skinny Puppy immer eine ernsthafte Haltung dahinter. Die Provokation ist nie Selbstzweck. Sie ist Mittel zum Zweck, Werkzeug einer konsequenten, über Jahrzehnte durchgehaltenen Kritik an den Grausamkeiten der Welt.

Warum Skinny Puppy auf dystopien.de gehören

Weil kaum eine andere Band die dunklen Themen der Dystopie so konsequent und so ernsthaft in Musik übersetzt hat. Skinny Puppy sangen nicht über erfundene Schreckenswelten, sie sangen über die realen Schrecken ihrer Zeit, über Tierquälerei, chemische Waffen, Umweltzerstörung, Überwachung, Sucht und Folter. Ihre Musik ist eine einzige, dreißigjährige Anklage gegen die Brutalität der modernen Welt, gegen die Entmenschlichung, gegen die Grausamkeit, die im Namen von Wissenschaft, Krieg und Macht geschieht.

Und weil die Guantánamo-Geschichte eine Parabel von erschütternder dystopischer Kraft ist. Sie zeigt, wie ein Staat die Kunst vereinnahmt und pervertiert, wie das Werkzeug des Protests zum Werkzeug der Unterdrückung wird, wie Musik, das Freieste und Menschlichste, zur Waffe gegen den Menschen umgeschmiedet werden kann. Das ist Orwell in der Wirklichkeit, das Wahrheitsministerium in Aktion, die Umkehrung aller Bedeutung durch die Macht. Eine Band singt gegen die Folter, und die Folterer benutzen ihr Lied. Kein dystopischer Roman hätte sich eine bösere Pointe ausdenken können.

Skinny Puppy haben darauf mit der einzigen Waffe geantwortet, die ihnen blieb, mit mehr Kunst, mit lauterem Protest, mit einer Rechnung über 666.000 Dollar und einem Album namens Weapon. Sie haben sich geweigert, zum Opfer zu werden, und stattdessen den Spieß umgedreht. Das ist die Haltung, die den Kern dieser Band ausmacht, und die sie zu einer der wichtigsten Stimmen der dunklen, politischen Musik macht. Unbequem, kompromisslos, verstörend, und genau deshalb notwendig.

In einer Welt, die wegsieht, machten Skinny Puppy Lärm. Und als man ihren Lärm gegen die Wehrlosen richtete, machten sie noch mehr Lärm. Das ist keine schlechte Definition von Widerstand.

Skinny Puppy. Gegründet 1982 in Vancouver, Kanada, von cEvin Key (Kevin Crompton) und Nivek Ogre (Kevin Ogilvie). Pioniere des Electro-Industrial. Schlüsselalben unter anderem VIVI sect VI (1988), Last Rights (1992) und Weapon (2013). Langjähriges Mitglied Dwayne Goettel starb 1995 an einer Überdosis. Die Band stellte der US-Regierung 2014 eine Rechnung über 666.000 Dollar, nachdem ihre Musik ohne Erlaubnis zur Folter von Gefangenen in Guantánamo Bay eingesetzt worden war.

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