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Die Rättin: Der letzte Zeuge ist ein Nagetier

dystopien.de · Literatur · Postapokalypse · Atomkrieg · Ökologie · Günter Grass

Die Rättin. Es gibt ein Bild am Ende der Menschheit, das Günter Grass in seinem Roman Die Rättin von 1986 entwirft, und es ist so demütigend wie präzise. Nachdem der Mensch sich im Atomkrieg selbst ausgelöscht hat, bleibt ein Zeuge übrig, der die Geschichte weitererzählt. Es ist kein Held, kein Überlebender, kein Prophet. Es ist eine Ratte. Der letzte Erzähler der Menschheitsgeschichte ist das Tier, das der Mensch am meisten verachtete, das er vergiftete, verfolgte, als Ungeziefer bekämpfte. Und ausgerechnet dieses Tier überlebt ihn und übernimmt die Erde.

Die Rättin ist eine der eigenwilligsten und ambitioniertesten deutschsprachigen Dystopien, geschrieben von einem der größten und zugleich umstrittensten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist ein wildes, verschachteltes, schwieriges Buch, ein apokalyptischer Roman aus der Zeit, als die Angst vor dem Atomkrieg auf ihrem Höhepunkt war. Und es ist das Werk eines Mannes, dessen eigene Vergangenheit einen langen Schatten wirft, über den zu schweigen unehrlich wäre.

Günter Grass und der lange verschwiegene Schatten

Man kann über Günter Grass nicht schreiben, ohne beides zu benennen, seine überragende literarische Bedeutung und den dunklen Fleck seiner Biografie. Grass, geboren 1927 in Danzig, war die moralische Instanz der Bundesrepublik, der Nobelpreisträger von 1999, der Autor der Blechtrommel, das literarische und politische Gewissen einer Nation. Jahrzehntelang mahnte er, engagierte sich für die SPD, kämpfte gegen die atomare Aufrüstung, trat als Stimme des demokratischen, aufgeklärten Deutschland auf, das aus der Katastrophe des Nationalsozialismus gelernt hatte.

Und dann, 2006, in seinem autobiografischen Werk Beim Häuten der Zwiebel, offenbarte Grass ein Geheimnis, das er ein Leben lang verschwiegen hatte. Als Siebzehnjähriger war er im Herbst 1944 zur Waffen-SS eingezogen worden. Über Jahrzehnte hatte er seine Kriegsvergangenheit anders dargestellt, als Flakhelfer, als einfacher Soldat. Die Enthüllung löste einen Skandal aus, und der Vorwurf richtete sich weniger gegen die Tatsache selbst, dass ein halbes Kind in den letzten Kriegsmonaten in die SS gepresst wurde, als gegen das jahrzehntelange Verschweigen. Der Mann, der andere zur offenen Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld gemahnt hatte, hatte seine eigene Verstrickung verborgen. Seine Rolle als moralische Autorität war beschädigt, dauerhaft.

Für die Einordnung von Die Rättin ist die Chronologie wichtig. Der Roman erschien 1986, zwanzig Jahre vor dieser Enthüllung. Das Buch ist also nicht im Wissen der Öffentlichkeit um Grass‘ SS-Vergangenheit entstanden, aber es ist im Wissen von Grass selbst geschrieben. Der Mann, der hier über Schuld, Untergang und die Unfähigkeit der Menschheit, aus ihren Fehlern zu lernen, schrieb, trug ein eigenes, verschwiegenes Kapitel in sich. Man muss das nicht gegen das Werk wenden, aber man sollte es wissen. Es macht die Mahnungen des Buches nicht falsch, aber es macht ihren Verfasser zu einer komplexeren, widersprüchlicheren Figur, als er lange erscheinen wollte.

Ein Roman wie ein Fiebertraum

Die Rättin ist kein leicht zugängliches Buch, und das muss man gleich sagen. Es ist formal ein wildes, verschachteltes Werk, das zwischen den Genres changiert, Märchen, Reisebericht, surrealer Roman, Gedicht, Filmszenario. Grass verwebt zahlreiche Erzählstränge, greift Figuren aus seinen früheren Erfolgsromanen wieder auf, Oskar Matzerath aus der Blechtrommel taucht auf, und flicht historische, politische und fantastische Ebenen ineinander. Das ist anspruchsvoll, dicht, manchmal überladen, und es verlangt dem Leser einiges ab.

Der rote Faden aber ist klar. Ein namenloser Ich-Erzähler hat sich zu Weihnachten eine Ratte gewünscht, und diese Ratte, die Rättin, spricht in seinen Träumen zu ihm. Sie berichtet ihm vom Untergang der Menschheit, vom Großen Knall, dem Atomkrieg, mit dem sich die beiden Supermächte gegenseitig auslöschten. Der Erzähler glaubt, allein in einem Raumschiff die verwüstete Erde zu umkreisen, der letzte überlebende Mensch. Doch die Rättin behauptet hartnäckig, auch er existiere längst nicht mehr, er sei nur noch ein Traum, den sie träumt. Der Mensch als Erinnerung eines Tieres, das ihn überlebt hat.

Nach der Katastrophe bilden die Ratten, die als einzige den Neutronenbomben und der Verwüstung getrotzt haben, in der zerstörten Stadt Danzig eine neue Gesellschaft. Eine Zivilisation, gegründet auf Solidarität, die es besser machen will als die Menschen. Nach Genmutationen nehmen diese posthumanen Ratten sogar erste menschliche Züge an. Es ist eine bittere Ironie. Die Nachfolger der Menschheit sind ausgerechnet die Wesen, die der Mensch am tiefsten verachtete.

Der Mensch hat die Ratte immer als Ungeziefer bekämpft. Am Ende ist die Ratte der bessere Erbe der Erde, weil sie die einzige Lehre gezogen hat, die der Mensch verweigerte. Zusammenzuhalten.

Die diesseitige Apokalypse

Was Die Rättin zu einer bedeutenden Dystopie macht, ist die Art, wie Grass die Apokalypse denkt. Es ist keine biblische Offenbarung, kein göttliches Strafgericht. Es ist eine vollständig menschengemachte, diesseitige Katastrophe, herbeigeführt mit den Mitteln der Technik. Grass verknüpft dabei mehrere Bedrohungen, die er als die dunklen Früchte des technischen Fortschritts der zweiten Jahrhunderthälfte sieht. Die Atomphysik, die den Knall ermöglicht. Die Biogenetik, die in die Schöpfung eingreift. Und die Informationstechnik, die alles überwacht und aufzeichnet.

Besonders eindrücklich ist ein Bild, das die Literaturkritik hervorgehoben hat. In Grass‘ Vision könnte nach dem Untergang der Menschheit ein unbeteiligtes technisches Aufzeichnungssystem übrig bleiben, eine vollautomatische Kamera, die weiterläuft und Bilder generiert, obwohl kein Mensch mehr da ist, der sie ansieht. Der Mensch bereitet sich seinen Untergang mit der Technik und dokumentiert ihn zugleich mit ihr. Die Apokalypse als Datensatz, aufgezeichnet von Maschinen, die niemanden mehr haben, dem sie dienen. Das ist eine erschreckend moderne Vision, die weit über den Atomkrieg hinausweist und die Gegenwart der allgegenwärtigen Überwachung und Datensammlung vorwegnimmt.

Grass schrieb Die Rättin mit einer klaren Absicht. Er wollte, wie er selbst sagte, eine aufgeklärte Angst bewirken, eine Furcht, die sich ihrer menschengemachten Ursachen bewusst ist. Das Buch entstand Mitte der achtziger Jahre, in der Zeit der Nachrüstung, der Pershing-Raketen, der großen Friedensbewegung, als die Angst vor dem Atomkrieg allgegenwärtig war. Grass war Teil dieser Bewegung, unterzeichnete Manifeste gegen die Aufrüstung, und Die Rättin ist sein literarischer Beitrag zu diesem Kampf. Ein Aufschrei gegen die Ignoranz einer Menschheit, die sehenden Auges auf den eigenen Untergang zusteuert.

Die ehrliche Einordnung

Die Rättin ist ein bedeutendes, aber kein makelloses Buch, und es ist wichtig, das klar zu sagen. Die Kritik lehnte den Roman bei seinem Erscheinen überwiegend ab, und einige der Einwände haben Gewicht. Das Buch ist überladen. Grass packt so viele Erzählstränge, Anspielungen, Rückbezüge und Ebenen hinein, dass die Wucht der zentralen Vision immer wieder in den Verästelungen verlorengeht. Wer die früheren Grass-Romane nicht kennt, versteht viele der Rückgriffe nicht. Die satirischen Passagen, etwa über die Politik der Bundesrepublik, wirken heute teils schal und gequält. Und der hämmernde, eigenwillige Rhythmus der Grass’schen Prosa, sein dichter, bildüberladener Stil, ist Geschmackssache und für manche Leser eine echte Hürde.

Es ist also kein Buch für den schnellen Zugang, kein Pageturner, keine geradlinige Erzählung. Es ist ein sperriges, forderndes, stellenweise anstrengendes Werk, das Geduld und Vorwissen verlangt. Die erste Hälfte, das räumen selbst wohlwollende Leser ein, ist stärker als die zunehmend zerfasernde zweite. Wer die klare, kühle Konsequenz einer Haushofer oder die bündige Wucht eines Orwell sucht, wird von Grass‘ wucherndem Erzählen eher erschlagen.

Warum Die Rättin auf Platz 7 unserer Liste steht

Weil es trotz seiner Sperrigkeit eine der ambitioniertesten und gedankenreichsten deutschsprachigen Dystopien ist, geschrieben von einem Autor auf der Höhe seiner literarischen Macht. Die Rättin denkt die Apokalypse konsequenter und vielschichtiger als fast jedes andere deutsche Werk seiner Zeit. Es verbindet die atomare Bedrohung mit der ökologischen, die Gentechnik mit der Überwachung, und es findet für all das ein zentrales Bild von unheimlicher Kraft. Die Ratte als Erbin des Menschen, der letzte Zeuge, der die Geschichte einer gescheiterten Spezies weitererzählt.

Und weil seine Warnung mit den Jahren nicht kleiner geworden ist, sondern größer. Grass schrieb gegen den Atomkrieg, aber sein eigentliches Thema ist umfassender, die Ignoranz einer Menschheit, die ihre Lebensgrundlagen zerstört und sehenden Auges auf den Abgrund zusteuert. Die diesseitige, menschengemachte, technisch herbeigeführte Apokalypse, vor der Grass warnte, hat viele Gesichter, und die meisten davon sind heute noch bedrohlicher als 1986. Der Klimawandel, das Artensterben, die Gentechnik, die totale Überwachung, all das trägt Grass‘ Roman bereits in sich.

Bleibt der Schatten des Autors. Dass ausgerechnet Grass, der seine eigene Verstrickung in die dunkelste deutsche Vergangenheit jahrzehntelang verschwieg, zur großen Mahnung gegen die menschliche Selbstauslöschung ansetzte, ist ein Widerspruch, den man aushalten muss. Vielleicht schrieb er auch gegen sich selbst, gegen das eigene Schweigen, gegen die eigene Schuld. Vielleicht ist die aufgeklärte Angst, die er wecken wollte, auch die Angst eines Mannes, der wusste, wie leicht der Mensch sich in die Katastrophe verstricken lässt, weil er es selbst erlebt hatte. Das entschuldigt das Verschweigen nicht. Aber es macht Die Rättin zu einem Buch, das aus einem tieferen, dunkleren Wissen um die menschliche Fehlbarkeit schöpft, als sein Autor lange zugeben wollte.

Am Ende bleibt die Ratte. Sie überlebt den Menschen, weil sie nicht seiner Hybris verfällt, weil sie zusammenhält, wo der Mensch sich zerfleischte. Es ist eine demütigende, aber vielleicht heilsame Vorstellung. Dass die Erde weitergeht, auch ohne uns. Nur eben nicht als das, wofür wir uns hielten, als Krone der Schöpfung, sondern als Fußnote in der Geschichte eines klügeren Tieres.

Günter Grass: Die Rättin. Erstmals erschienen 1986 im Luchterhand Verlag, rund 500 Seiten. Sieben Wochen auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Grass erhielt 1999 den Nobelpreis für Literatur. Seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS als Siebzehnjähriger machte er erst 2006 in Beim Häuten der Zwiebel öffentlich.

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