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Combichrist – The Venom In The Mouth Of God: Das Gift und die Maske

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Combichrist. Es gibt einen Moment, in dem eine Band, die zwei Jahrzehnte lang vor allem Wucht war, plötzlich etwas zu sagen hat. Für Combichrist, die brachiale Speerspitze des harten Electro, scheint dieser Moment mit dem neuen Album gekommen. The Venom In The Mouth Of God, erschienen am 24. Juli 2026, ist das elfte Studioalbum des Projekts von Andy LaPlegua, und es ist nach übereinstimmendem Urteil der Kritik das vielschichtigste, persönlichste und thematisch tiefste, das die Band je vorgelegt hat. Das Gift im Mund Gottes, schon der Titel verspricht mehr als die übliche Tanzflächen-Aggression.

Für dystopien.de ist das Album ein doppelter Anlass. Es ist die Gelegenheit, endlich über eine der prägendsten Bands des modernen Industrial zu schreiben, und es zeigt zugleich eine Band, die sich zu genau jenen Fragen hinbewegt, die den Kern dieser Seite bilden. Denn The Venom In The Mouth Of God handelt, unter all dem Lärm, von den Masken, die wir tragen, von der Kluft zwischen dem, wer wir sind, und dem, als wen wir uns inszenieren, und von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Andy LaPlegua und der Weg zu Combichrist

Combichrist ist im Kern das Werk eines Mannes, des Norwegers Andy LaPlegua, geboren 1975 in Fredrikstad. Sein Weg erklärt viel an dieser Musik. LaPlegua begann nicht in der Elektronik, sondern im Hardcore-Punk, in der rohen, wütenden, körperlichen Welt der norwegischen Hardcore-Szene. Diese Herkunft trug er in die elektronische Musik hinein, zunächst mit dem Future-Pop-Projekt Icon of Coil, das ihm erste internationale Bekanntheit brachte. Doch der melodische Future Pop war ihm zu brav. 2003 gründete er Combichrist und wandte sich einer weit härteren Mischung zu, dem Aggrotech, dem Rhythm and Noise, später dem Industrial Metal.

In Combichrist macht LaPlegua im Studio praktisch alles selbst, unterstützt auf der Bühne von wechselnden Mitmusikern. Das gab ihm die Freiheit, ohne Kompromisse genau die Musik zu erschaffen, die er wollte. Club-Klassiker der zweiten Hälfte der Zweitausender machten Combichrist zu einer festen Größe der dunklen Tanzflächen weltweit, und mit den Jahren wurde der Sound immer schwerer, nahm Metal-Gitarren auf, führte die Band auf große Metal-Festivals. Über zwei Jahrzehnte hat LaPlegua so eine der einflussreichsten Marken des harten Electro aufgebaut, die Verbindung aus der Brutalität der EBM und der Muskelkraft des Rock, die nur wenige so hinbekommen.

Das Album: Kontrast als Prinzip

The Venom In The Mouth Of God umfasst dreizehn Stücke und über eine Stunde Musik. Da ich das Album nicht selbst gehört habe, stütze ich die folgende Beschreibung auf die vorliegenden Kritiken, die sich in ihrem Bild bemerkenswert einig sind. Das Album lebt vom Kontrast. Mal dominieren kalte EBM-Beats, mal schlagen die Gitarren mit voller Wucht zu, dann öffnen sich plötzlich fast hymnische, beinahe melodische Passagen. Diese stilistische Offenheit, so die Rezensenten, verhindert, dass die Band sich selbst kopiert, und macht das Album abwechslungsreicher als manches frühere Werk, auf dem Combichrist vor allem vorführten, wie viele Gitarren und Drums gleichzeitig in einen Raum passen.

Der Auftakt aus Stücken wie ODR und Born Deströyer landet nach übereinstimmender Beschreibung wie eine kontrollierte Sprengung, dicht, mechanisch, erbarmungslos. Zur Mitte hin verschiebt sich die Stimmung, wird introspektiver, persönlicher. Und das Album schließt mit einem Stück, das den bezeichnenden Titel Second Ending (We Have Been Here Before) trägt und stärker auf die alte EBM setzt. Die Kritik hebt durchweg dieselben Höhepunkte hervor, die treibenden Singles RISE und Feraline, und vor allem Demons Wanna Be Summoned, die Kollaboration mit David Gunn von der amerikanischen Rap-Metal-Band King 810. Dieses Stück, schwer, bedrohlich, fast rituell, will nach Ansicht der Rezensenten eher beschwören als unterhalten und zeigt Combichrist von ihrer kompromisslosesten Seite.

Die Maske als Thema

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Album ist aber nicht der Sound, sondern das, was darunter liegt. Denn The Venom In The Mouth Of God hat, wie die Kritik einhellig betont, tatsächlich etwas zu erzählen. Es beschäftigt sich mit Selbstbildern, mit Narben, mit Rollen und mit der unangenehmen Frage, ob die Person hinter einer sorgfältig gepflegten Maske überhaupt noch auffindbar ist. Stücke wie Each Scar A Vision und vor allem The Way We Want To Be Seen verhandeln genau das, die Versionen unserer selbst, die wir für andere konstruieren, die Inszenierung des Ich.

Das ist ein zutiefst dystopisches Thema, und es verbindet Combichrist mit den großen Fragen dieser Seite. Wir leben in einer Zeit der permanenten Selbstinszenierung, der kuratierten Profile, der optimierten Oberflächen, in der die Kluft zwischen dem realen Menschen und seinem öffentlichen Bild immer größer wird. Combichrist macht daraus keine sanfte Beobachtung, sondern eine brachiale Anklage. Die Maske als Gefängnis, das gepflegte Selbstbild als Lüge, hinter der der echte Mensch verschwindet. Es ist dieselbe Frage, die Songs wie I See Dumb People stellen, über das, was wir sehen wollen, und das, was wir verbergen, nur hier mit der vollen Wucht des Industrial Metal.

Das Gift im Mund Gottes ist am Ende das Gift der Selbsttäuschung. Die gefährlichste Maske ist die, hinter der man sich selbst nicht mehr findet.

Auch der Titel selbst trägt diese Doppelbödigkeit. Das Gift im Mund Gottes, das ist eine Anklage gegen die Verführung durch das scheinbar Heilige, gegen die schönen Worte, die vergiften, gegen die Autoritäten, die Erlösung versprechen und Unterwerfung liefern. Es ist ein religionskritischer Ton, der gut zu einer Band passt, deren Name selbst mit dem Christlichen spielt und es bricht.

Die ehrliche Einordnung

So einhellig die Kritik das Album lobt, so einig ist sie auch in seinem Hauptproblem. Mit über einer Stunde Laufzeit sei The Venom In The Mouth Of God zu lang. Viele Hörer bemängeln, dass der Spannungsbogen über die volle Distanz nicht immer hält, dass einige der martialischen Industrial-Passagen bekannte Muster wiederholen, und dass eine straffere, strengere Auswahl dem Album gutgetan hätte. Eine Kritik formulierte es treffend, das Gift wirke, nur hätte ein kleineres Fläschchen auch gereicht. Und schön ist die Beobachtung, dass selbst die Schwächen dieses Albums aus zu vielen Ideen entstehen, nicht aus zu wenigen. Das ist ein Luxusproblem, aber es ist eins.

Und wie bei jeder Band, die mit Härte und Provokation arbeitet, muss man den Vorbehalt benennen, den wir auch bei Rammstein und im ersten Blick auf Combichrist selbst formuliert haben. Die Ästhetik der Aggression läuft immer Gefahr, zum bloßen Reiz zu werden, zum Effekt ohne Aussage. Combichrist waren davor in ihrer Geschichte nicht immer gefeit. Das Bemerkenswerte an diesem Album ist gerade, dass es diese Gefahr unterläuft, indem es der Wucht einen Gehalt gibt, indem es die Aggression in den Dienst eines Themas stellt. Wo die Gewalt früher manchmal Selbstzweck war, ist sie hier Ausdruck einer echten Auseinandersetzung mit Selbstbild, Rolle und einer aus den Fugen geratenen Welt.

Warum Combichrist auf dystopien.de gehört

Weil sie die aggressivste, körperlichste Übersetzung des dystopischen Lebensgefühls liefern und weil sie mit diesem Album beweisen, dass diese Wucht mehr tragen kann als bloße Provokation. Combichrist stehen am härtesten Ende einer langen Linie, die von den kühlen EBM-Pionieren wie Front 242 über den Future Pop bis zum brachialen Aggrotech und Industrial Metal führt. Sie sind die Radikalisierung des körperlichen Elektrosounds, der Tanz auf den Trümmern, die Ekstase im Angesicht des Untergangs.

The Venom In The Mouth Of God zeigt eine Band, die nach über zwanzig Jahren nicht stillsteht, sondern sich vertieft. Eine Kritik brachte es auf den Punkt, dies sei Combichrist auf ihrem ausgedehntesten und ehrlichsten Stand, ein Album, das die Kluft zwischen dem, wer wir sind, und dem, als wen wir uns inszenieren, aufreißt und blutend liegen lässt. Kalte Synthesizer treffen auf drückende Gitarren, harsche Beats auf hymnische Refrains, elektronische Kälte auf menschliche Verletzlichkeit. Es ist wuchtig und düster, aber es ist auch nachdenklich, und diese Verbindung ist selten.

Für die Fans der harten Töne ist das Album ohnehin ein Fest. Für alle anderen ist es ein Beweis, dass auch die brutalste Spielart der dunklen Musik zu den großen Fragen finden kann, zur Maske, zur Selbsttäuschung, zur Zerrissenheit des modernen Menschen. Combichrist geben der Wut einer dunklen Zeit einen Beat, zu dem man tanzen kann, und diesmal auch einen Gedanken, über den man nachdenken muss, wenn der Beat verklungen ist.

Das Gift wirkt. Und diesmal ist es mehr als nur Lärm.

Combichrist. Gegründet 2003 von Andy LaPlegua, geboren 1975 im norwegischen Fredrikstad, Gründer auch von Icon of Coil und Panzer AG. Stilrichtung Aggrotech, Electro-Industrial und zunehmend Industrial Metal. Schlüsselwerke unter anderem The Joy of Gunz (2003), Everybody Hates You (2005), What the Fuck Is Wrong with You People? (2007), Today We Are All Demons (2009), jüngstes Album The Venom In The Mouth Of God. Erschienen am 24. Juli 2026 über Out Of Line Music. Elftes Studioalbum, dreizehn Titel, über eine Stunde Laufzeit. Mit der Gastbeteiligung von David Gunn (King 810) auf Demons Wanna Be Summoned. Vorab-Singles unter anderem Desolation, RISE, Feraline und Only Here For A Good Time.

Kategorie: Musik · Aggrotech · Industrial Metal · Provokation · Konzept · Combichrist · dystopien.de

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