Die Zeitmaschine: Die Klasse, die nie endet

Loading the Elevenlabs Text to Speech AudioNative Player...

dystopien.de · Literatur · Klassiker · Gesellschaftskritik · Klassengesellschaft · H.G. Wells

Es gibt eine Idee in H.G. Wells‘ Die Zeitmaschine, die so einfach und so erschreckend ist, dass man sich fragt, warum sie nicht öfter zitiert wird. Der Zeitreisende fährt in die ferne Zukunft — achthunderttausend Jahre vorwärts — und findet keine Utopie, keine Technologie, keine erleuchtete Menschheit. Er findet zwei Arten von Wesen.

Die Eloi: schön, sanft, zerbrechlich, gedankenlos. Sie leben an der Oberfläche, in verfallenen Palästen, von Früchten, die niemand anbaut. Sie arbeiten nicht, kämpfen nicht, denken nicht.

Die Morlocks: blass, stark, unterirdisch. Sie betreiben die Maschinen, produzieren die Nahrung, halten die Welt am Laufen. Und nachts kommen sie nach oben — und holen sich, was ihnen zusteht.

Wells hat Die Zeitmaschine 1895 geschrieben. Er hat dabei nicht in die Zukunft geschaut. Er hat in die Gegenwart geschaut — und ihre Logik zu Ende gedacht.

H.G. Wells: Der Sozialist mit der Zeitmaschine

Herbert George Wells war das Kind einer Dienstmagd und eines erfolglosen Ladenbesitzers. Er wuchs in Armut auf, arbeitete als Lehrling in einem Kurzwarengeschäft, schlief unter dem Ladentisch. Durch Stipendien und außerordentliche intellektuelle Fähigkeiten kämpfte er sich in die Bildungswelt vor — und wurde einer der meistgelesenen Autoren seiner Generation.

Er hat die Klassengesellschaft nicht aus der Theorie gekannt. Er hat sie gelebt. Unten.

Das erklärt, warum Die Zeitmaschine keine abstrakte Spekulation ist. Sie ist Wut — verkleidet als Abenteuerroman, destilliert in eine Idee, die so klar ist, dass sie sticht.

Wells war überzeugter Sozialist, Mitglied der Fabian Society, Freund von George Bernard Shaw. Er glaubte an die Möglichkeit einer gerechteren Gesellschaft — und schrieb gleichzeitig Bücher, die zeigten, was passiert, wenn sie nicht entsteht. Die Zeitmaschine ist nicht pessimistisch. Sie ist eine Warnung. Warnungen setzen voraus, dass man noch handeln kann.

Eloi und Morlocks: Die Klasse, die sich selbst überlebt hat

Was Wells beschreibt, ist keine Science-Fiction-Fantasie. Es ist die konsequente Weiterentwicklung der viktorianischen Klassengesellschaft über Hunderttausende von Jahren.

Die Reichen haben sich an der Oberfläche eingerichtet — in Schönheit, in Muße, in vollständiger Abhängigkeit von einer Infrastruktur, die sie nicht mehr verstehen. Die Armen haben sich unter die Erde zurückgezogen — in Dunkelheit, in Arbeit, in eine Welt, die niemand sehen will. Beide haben sich angepasst. Beide haben sich verändert. Aus Menschen sind Wesen geworden.

Die Eloi haben keine Neugier mehr, keine Kraft, keine Solidarität. Sie sind das Endprodukt einer Klasse, die nie arbeiten musste — und deshalb vergessen hat, wie man denkt. Die Morlocks haben keine Menschlichkeit mehr, keine Empathie, keine Unterwerfung. Sie sind das Endprodukt einer Klasse, die nie etwas anderes kannte als Ausbeutung — und die irgendwann aufgehört hat, das zu akzeptieren.

Die Klassengesellschaft hat nicht geendet. Sie hat sich biologisch manifestiert.

Das ist Wells‘ eigentliche These. Und sie ist präziser als fast alles, was Marx oder Engels je über das Ende des Kapitalismus geschrieben haben — weil Wells nicht beschreibt, wie es enden soll, sondern wie es enden könnte, wenn es nicht endet.

Der Zeitreisende: Ein Optimist in der Apokalypse

Der Zeitreisende — sein Name wird nie genannt — ist ein typischer viktorianischer Wissenschaftler: rational, neugierig, optimistisch. Er erwartet Fortschritt. Er erwartet, dass die Menschheit in achthunderttausend Jahren weiser, stärker, freier ist.

Was er findet, erschüttert ihn nicht sofort. Er braucht Zeit, um zu verstehen, was er sieht. Und das ist Wells‘ klügste erzählerische Entscheidung: Die Wahrheit kommt langsam. Zuerst scheint die Welt friedlich. Dann beunruhigend. Dann klar — und die Klarheit ist das Schlimmste.

Er versucht zu helfen. Er rettet Weena, eine Eloi-Frau, aus einem Fluss — weil keiner der anderen Eloi es tut. Sie dankt ihm, folgt ihm, liebt ihn auf ihre einfache, gedankenlose Art. Und dann ist sie weg. Die Morlocks holen sie in der Nacht.

Der Zeitreisende kämpft. Verliert. Flieht. Fährt noch weiter in die Zukunft — bis er an einem Strand steht, an dem die Sonne stirbt und die letzten Lebewesen der Erde im Schlamm liegen.

Das ist das Ende der Menschheit in Wells‘ Vision. Nicht mit einem Knall. Mit einem Sonnenuntergang.

1895 und heute: Die Klasse, die noch immer nicht endet

Wells hat Die Zeitmaschine als Warnung geschrieben — und die Warnung ist nicht abgelaufen. Klassengesellschaften tendieren zur Verfestigung. Wer oben ist, bleibt oben — über Generationen, über Bildung, über Kapital, über Netzwerke. Wer unten ist, bleibt unten — über dieselben Mechanismen, nur in umgekehrter Richtung.

Die Eloi und Morlocks sind keine Science-Fiction. Sie sind eine Extrapolation. In einer Welt, in der Vermögen sich über Generationen konzentriert, in der Bildungszugang von Herkunft abhängt, in der Arbeit zunehmend unsichtbar ist für die, die von ihr profitieren — ist Wells‘ Modell nicht fern. Es ist eine Richtung.

Die Zeitmaschine fragt nicht, ob das passieren wird. Sie fragt, wie lange es dauert.

Warum Die Zeitmaschine auf Platz 16 unserer Liste steht

Platz 16 ist eine Entscheidung, die Wells‘ Bedeutung für das Genre anerkennt — und gleichzeitig ehrlich bleibt. Die Zeitmaschine ist ein schmales Buch, schnell gelesen, manchmal mehr Skizze als ausgeführtes Werk. Der Zeitreisende ist eine Funktion, kein vollständiger Mensch. Weena ist kaum mehr als ein Symbol.

Aber die Idee — die eine, zentrale, erschreckende Idee — ist so stark, dass sie alles trägt. Kein anderes Buch auf dieser Liste hat die Logik der Klassengesellschaft so weit und so konsequent gedacht. Kein anderes zeigt so klar, was passiert, wenn man nichts ändert — nicht in zehn Jahren, nicht in hundert, sondern in achthunderttausend.

Wells war neunundzwanzig Jahre alt, als er das schrieb. Er hatte unter dem Ladentisch geschlafen. Er wusste, wie die Welt riecht, wenn man ganz unten ist.

Das merkt man.

Lesen, wenn noch nicht geschehen

Englisch

Deutsche Übersetzung

H.G. Wells: Die Zeitmaschine. Erstmals erschienen 1895. Deutsch bei Anaconda, Reclam oder dtv erhältlich. Empfohlene Ausgabe: Reclam Zweisprachig (deutsch/englisch).

Kategorie: Literatur · Klassiker · Gesellschaftskritik · Klassengesellschaft · H.G. Wells · dystopien.de

1 Gedanke zu „Die Zeitmaschine: Die Klasse, die nie endet“

  1. Pingback: Die 100 besten Dystopien aller Zeiten als Buch

Die Kommentare sind geschlossen.

Nach oben scrollen