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Es gibt Filme, die größer sind als ihre Qualität. Firestarter von 1984 ist so ein Film. Er ist uneben, stellenweise träge, und er erreicht nie ganz die Wucht des Romans, aus dem er stammt. Und trotzdem bleibt er — wegen einer Neunjährigen, die die gesamte Leinwand ausfüllt, als wäre sie schon immer dort gewesen.
Drew Barrymore war 1984 neun Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte sie als Gertie in E.T. die Welt bezaubert. Jetzt spielte sie ein Kind, das mit dem Geist Feuer entfacht und von einer Geheimbehörde gejagt wird. Die Kombination aus Unschuld und Bedrohung, die die Rolle verlangt, hätte viele junge Schauspielerinnen überfordert. Barrymore trägt sie mit einer Natürlichkeit, die den Film rettet, wenn das Drehbuch ihn im Stich lässt.
Drew Barrymore: Eine Karriere, die mit Feuer begann

Drew Barrymore ist Hollywoodgeschichte — im buchstäblichen Sinne. Sie ist die Enkelin von John Barrymore, einem der größten Schauspieler der Stummfilmära, und die Tochter von John Drew Barrymore Jr. Die Bühne war ihr Geburtsrecht, lange bevor sie wusste, was das bedeutet.
Mit sieben Jahren stand sie für einen Hundefutterwerbespot vor der Kamera. Mit sieben Jahren und einigen Monaten für E.T. Was folgte, ist eine der bewegtesten Karrieregeschichten Hollywoods: Ruhm mit acht, Alkohol- und Drogenprobleme mit neun und zehn, Entzug mit zwölf, Emanzipation von den Eltern mit vierzehn — und dann, langsam, der Wiederaufbau. Mit Scream, mit Charlies Angels, mit Eternal Sunshine of the Spotless Mind wurde sie zu einer der vielseitigsten Schauspielerinnen ihrer Generation.
Firestarter war, mitten in diesem frühen Chaos, einer ihrer ersten großen Soloauftritte. Man sieht dem Film an, dass das Kind vor der Kamera keine gewöhnliche Kindheit hatte. Man sieht ihm aber auch an, dass dieses Kind genau wusste, was es tat.
George C. Scott: Der Antagonist mit Gewissen
Neben Barrymore ist es George C. Scott, der den Film trägt — und das auf eine Art, die man nicht erwartet. Scott, Oscar-Preisträger für Patton (1970) und einer der kompromisslosesten Charakterdarsteller seiner Generation — er war der erste Schauspieler, der einen Oscar öffentlich ablehnte, weil er den Wettbewerbsgedanken im Kunstbetrieb ablehnte — spielt John Rainbird, einen Agenten von The Shop.
Rainbird ist kein klassischer Bösewicht. Er ist fasziniert von Charlie. Er entwickelt eine Art dunkle Zuneigung zu ihr — während er gleichzeitig plant, sie zu töten und dabei ihr Feuer in ihren Augen zu sehen. Es ist eine der unheimlichsten Figurenkonstruktionen in Kings Verfilmungsgeschichte, und Scott spielt sie mit einer Ruhe, die beunruhigender ist als jede Bedrohungsgeste.
Die Spannung zwischen Barrymore und Scott ist das Herzstück des Films — zwei Schauspieler aus völlig verschiedenen Generationen und Welten, die eine Beziehung spielen, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Was der Film richtig macht — und was nicht
Regisseur Mark Lester — bekannt vor allem für Commando mit Arnold Schwarzenegger — trifft den Ton des Romans nicht vollständig. Wo King psychologische Tiefe aufbaut, setzt der Film auf Tempo und visuelle Effekte. Die Feuersequenzen sind für 1984 beeindruckend: praktische Effekte, kein CGI, echte Flammen, die Barrymore mit ausgestreckter Hand dirigiert. Das hat eine physische Wucht, die keine Computeranimation ersetzen kann.
Was fehlt, ist die Beklemmung. Kings Roman ist ein Buch über Erschöpfung. Über einen Vater und eine Tochter, die sich nicht mehr sicher sein können, wem sie vertrauen dürfen. Der Film ist ein Thriller. Das ist kein Fehler, aber es ist eine Entscheidung, die etwas kostet.
Der Tangerine Dream-Soundtrack — das deutsche Elektronik-Kollektiv, das in den achtziger Jahren Dutzende Filmmusiken prägte — gibt dem Film eine Atmosphäre, die zwischen Science-Fiction und Paranoia pendelt und heute ihren ganz eigenen Reiz hat.
Warum dieser Film auf dystopien.de gehört

Firestarter (1984) ist kein großer Film. Aber er ist ein ehrlicher Film — über ein Kind, das der Staat als Ressource betrachtet, und über die Frage, was passiert, wenn diese Ressource anfängt zurückzuschlagen.
Drew Barrymores Leistung allein rechtfertigt die Beschäftigung mit ihm. Nicht weil sie perfekt ist, sondern weil sie real ist. Man glaubt ihr die Angst. Man glaubt ihr das Feuer. Und man glaubt ihr, dass Charlie McGee nicht kämpft, weil sie stark ist, sondern weil niemand ihr eine andere Wahl gelassen hat.
Das ist, am Ende, die eigentliche dystopische Aussage. Nicht das Spektakel. Sondern die Stille davor.
Firestarter. USA 1984. Regie: Mark Lester. Hauptdarsteller: Drew Barrymore, David Keith, George C. Scott. Basierend auf dem Roman von Stephen King (1980).
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