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GRM. Brainfuck. Es gibt Bücher, die man liest, und es gibt Bücher, die einen anschreien. GRM. Brainfuck von Sibylle Berg, erschienen 2019, gehört zur zweiten Sorte. Es ist keine ruhige, abwägende Dystopie, kein elegisches Nachdenken über eine mögliche Zukunft. Es ist ein Wutausbruch in Romanform, ein literarischer Sprengsatz, geschrieben in einer Sprache, die hämmert wie der Musikstil, nach dem das Buch benannt ist. GRM steht für Grime, jene aggressive, rohe Spielart des Rap, die aus den Elendsvierteln Londons kam. Und so wie diese Musik ist auch dieser Roman. Laut, zornig, kompromisslos, aus der Perspektive derer, die ganz unten stehen.
GRM ist die höchstplatzierte Gegenwartsdystopie auf unserer Liste nach QualityLand, und die beiden Bücher könnten unterschiedlicher kaum sein. Wo Marc-Uwe Kling die Zukunft mit Humor seziert, tut Sibylle Berg es mit blanker Wut. GRM lacht nicht. Es klagt an. Es ist, mit den Worten der Kritik, eine Mind Bomb von emotionaler Wucht, ein Buch wie ein Sprengsatz, und es rechnet radikal mit der Ideologie ab, dass es jeder schaffen kann, wenn er nur will.

Sibylle Berg: Die Zornige
Sibylle Berg, geboren 1962 in Weimar, ist eine der eigenwilligsten und produktivsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Sie wuchs in der DDR auf, reiste vor dem Mauerfall aus, lebt heute in Zürich und besitzt neben der deutschen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ihr Werk ist gewaltig, Dutzende Theaterstücke, zahlreiche Romane, unzählige Kolumnen, übersetzt in über dreißig Sprachen. Berg ist bekannt für ihren schwarzen, grotesken Humor, ihren unerbittlichen Blick auf die menschlichen und gesellschaftlichen Abgründe, und für eine öffentliche Person, die Konventionen konsequent verweigert.
GRM markiert innerhalb ihres Werks einen Wendepunkt zur äußersten Düsternis. So finster, so hoffnungslos hatte Berg zuvor nie geschrieben, urteilte die Kritik. Gegen GRM sei alles andere von ihr der reinste Kindergeburtstag. Der Roman wurde 2019 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet und stand wochenlang an der Spitze der Bestsellerlisten. Er ist der erste Teil einer Trilogie, die Berg mit RCE von 2022 fortsetzte, funktioniert aber vollständig als eigenständiges Werk. Bezeichnend für Bergs Haltung ist eine Bemerkung, die sie vor der Preisverleihung machte. Sie finde den Vorgang, die nominierten Autoren beim Verlieren ins Gesicht zu filmen, um ihre Enttäuschung einzufangen, entwürdigend. Auch das ist Berg, die noch im Moment des eigenen Triumphs die Mechanik dahinter entlarvt.
Vier Kinder in Rochdale
Der Roman spielt in naher Zukunft, in der englischen Stadt Rochdale, einem realen Ort, den Berg zur Chiffre für den totalen sozialen Zusammenbruch macht. Der Brexit ist vollzogen, die Monarchie abgeschafft, halb Europa wird von Autokraten regiert. Der Neoliberalismus hat, wie es im Buch heißt, besonders gründliche Arbeit geleistet. In Tausenden verfallender Städte wächst die Verelendung der Massen, und die Menschen werden, so die bittere Formulierung des Romans, zum Aussterben entsorgt. Sie sind überflüssig geworden, nicht mehr gebraucht von einem System, das sie abgeschrieben hat.
Im Zentrum stehen vier Kinder, Don, Hannah, Karen und Peter. Sie gehören zur untersten Schicht, ihre Kindheit ist geprägt von Armut, Gewalt, Lieblosigkeit und Missbrauch. Ihre Eltern haben längst aufgegeben, ihr Essen kommt von privaten Hilfswerken, der Staat hat sich aus ihrem Leben zurückgezogen, außer als überwachende Instanz. Jedes der vier Kinder trägt seine eigene Geschichte des Verlusts und der Verletzung. Peter etwa, autistisch veranlagt, kommt aus einem polnischen Dorf nach England und wird von seiner Mutter in Rochdale zurückgelassen, als sie mit einem reichen Russen nach London zieht. Es sind Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates.
Ihre einzige Hoffnung, ihr einziger Halt, ist die Musik. Grime, kurz GRM, die aggressive Rap-Form, die ihnen Wut und Würde zugleich gibt. Grime ist für sie, was der Punk einst für eine andere Generation war, die Musik der Abgehängten, die ihren Zorn in Kunst verwandelt. Als die vier begreifen, dass es in Rochdale keine Zukunft für sie gibt, brechen sie nach London auf, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Berg erfindet keine ferne Schreckenswelt. Sie verlängert die Gegenwart um wenige Grade, bis das Unerträgliche sichtbar wird. Die Brave New World, schreibt sie, hat vielleicht schon begonnen.
Der Chip und die freiwillige Unterwerfung
In London aber erwartet die Kinder nicht die erhoffte Rettung, sondern die perfektionierte Überwachungsdiktatur. Die Regierung ruft ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, eine scheinbare Wohltat. Doch der Haken ist tödlich. Das Geld gibt es nur für den, der sich einen Registrierungschip implantieren lässt, der der totalen Überwachung dient. Wer den Chip nimmt, wird versorgt und zugleich lückenlos kontrolliert, jede Bewegung, jede Handlung, jedes Wort erfasst. Wer ihn verweigert, bleibt frei, aber fällt aus dem System, ohne Geld, ohne Anspruch, ohne Existenz.
Das ist der geniale und erschreckende dystopische Kern des Buches. Die Überwachung wird nicht mit Gewalt erzwungen, sondern mit Bequemlichkeit erkauft. Die Menschen unterwerfen sich freiwillig, weil sie das Grundeinkommen brauchen, weil sie keine Wahl haben, die keine ist. Berg trifft damit exakt die Gefahr unserer Zeit, die schleichende, freiwillige Preisgabe der Freiheit im Tausch gegen Sicherheit und Bequemlichkeit, den Überwachungskapitalismus, der uns nicht zwingt, sondern verführt. Die vier Kinder aber spielen nicht mit. Sie verweigern sich, leben illegal, im Untergrund, und schließen sich mit Hackern zusammen, um sich dem System zu widersetzen.
Die Sprache als Sound
Was GRM von fast allen anderen Dystopien unterscheidet, ist seine Form. Berg schreibt nicht in konventioneller Romanprosa. Ihre Sprache ist rhythmisiert, rappend, atemlos, ein hämmernder Stakkato-Sound, der die Aggression des Grime in Literatur übersetzt. Ein Kritiker formulierte es zugespitzt, eigentlich habe Berg keine Sprache, sie habe einen Sound, der einem all die Monstrositäten, Zynismen und Ungerechtigkeiten ins Hirn hämmert. Das ist als Lob gemeint. Die Form ist der Inhalt. Der brutale, treibende Rhythmus der Prosa bildet die brutale, treibende Welt ab, von der sie erzählt.
Dazu kommt eine ungewöhnliche Erzählinstanz. Eine anonyme, überwachende Stimme kommentiert das Geschehen, distanziert, zynisch, allwissend, teils sogar in der Programmiersprache Brainfuck, die dem Buch seinen zweiten Titel gibt. Diese Sprache, real existierend und berüchtigt für ihre extreme Reduktion und Unlesbarkeit, ist ein perfektes Sinnbild. Der Mensch, reduziert auf Code, das Denken selbst, zum Brainfuck geworden, zur Vergewaltigung des Hirns durch ein System, das alles in Daten auflöst. Es ist eine formale Kühnheit, die GRM zu mehr macht als einer bloßen Dystopie, zu einem literarischen Experiment.
Die ehrliche Einordnung
GRM ist ein mächtiges, aber ein extrem forderndes und nicht für jeden geeignetes Buch, und das muss klar gesagt werden. Es ist von einer Härte, die schwer zu ertragen ist. Die Welt des Romans ist durchzogen von Gewalt, Missbrauch, Hass und Sex, geschildert in einer Direktheit, die schockiert und schockieren soll. Die menschlichen Beziehungen sind fast durchweg von Brutalität geprägt. Wer eine tröstliche oder auch nur erträgliche Lektüre sucht, ist hier falsch. GRM ist ein Höllentrip, und Berg gönnt dem Leser keine Atempause.
Auch die Kritik hat berechtigte Einwände formuliert. Das Männerbild des Romans ist derb, die Frauen erscheinen oft unterwürfig, die Welt insgesamt so unerbittlich negativ, dass manche Leser die Differenzierung vermissen. Berg bietet keine Lösungen, keine Hoffnung, kaum Licht. Das Ende führt die vier Protagonisten nicht in eine bessere Welt, sondern, nach einem Regierungswechsel und einer scheinbaren Integration, in die Isolation, auch voneinander. Man kann das als konsequente Ehrlichkeit lesen oder als nihilistische Übertreibung. Und der rappende, sprachlich bewusst rohe Stil ist Geschmackssache. Wer sprachliche Eleganz und feine Psychologie sucht, wird von Bergs Holzhammer-Sound eher erschlagen. Selbst wohlwollende Kritiker räumten ein, dass andere nominierte Bücher handwerklich virtuoser seien, dass Bergs Stärke aber in der perfekten Passung von Sound und Wut liege.
Warum GRM auf Platz 9 unserer Liste steht
(TOP 30 der deutschsprachigen Dystopien) Weil es die zornigste, aktuellste und formal radikalste deutschsprachige Dystopie der Gegenwart ist. GRM erfindet keine ferne Zukunft, es verlängert unsere Gegenwart um wenige, entscheidende Grade. Der entfesselte Neoliberalismus, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Abgehängten in den verfallenden Städten, die totale Überwachung, die man sich freiwillig einhandelt, die Ersetzung des Menschen durch Algorithmen, all das ist keine Erfindung, sondern die Zuspitzung realer Tendenzen. Berg knüpft, wie die Kritik hervorhob, präzise bis ins Detail an unsere Gesellschaft und unsere Gefühle an und packt den Leser dadurch von innen.
Und weil GRM eine Stimme hat, die in der deutschsprachigen Dystopie einzigartig ist. Die Wut der Abgehängten, der Zorn derer, die das System als überflüssig entsorgt hat, findet hier eine literarische Form, die diese Wut nicht beschreibt, sondern verkörpert. GRM ist Klassenkampf als Literatur, eine Anklage gegen eine Gesellschaft, die Menschen zu Datensätzen und Kostenstellen macht, gegen den Wahn des unbegrenzten Wachstums, gegen die freiwillige Unterwerfung unter die Überwachung. Es rechnet ab mit dem großen Versprechen des Neoliberalismus, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur will, und zeigt die Kinder, für die dieses Versprechen von Anfang an eine Lüge war.
Die vier Kinder in ihrem Drecksleben, die sich in die Drecksmusik Grime flüchten, sind die wahren Helden dieser Dystopie. Nicht weil sie siegen, denn sie siegen nicht. Sondern weil sie sich verweigern, weil sie hassen, wie es eine Kritikerin sagte, aus humanistischen Gründen, weil sie in einer Welt aus Gewalt, Überwachung und Drogen die eine Sache behalten, die ihnen niemand nehmen kann. Ihre Wut. Und ihre Musik.
GRM ist kein Buch, das man liebt. Es ist ein Buch, das einen trifft, verstört und nicht mehr loslässt. Genau das will es sein. Ein Sprengsatz, gelegt in die Mitte einer Gesellschaft, die lieber wegsieht.
Sibylle Berg: GRM. Brainfuck. Erschienen im April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch. Ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2019, wochenlang Platz eins der Bestsellerlisten. Erster Teil einer Trilogie, fortgesetzt mit RCE – Remote Code Execution (2022). Der Titel bezieht sich auf den Musikstil Grime und auf die Programmiersprache Brainfuck.
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