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Joan Is Awful: Dein Leben gehört jetzt dem Stream (Black Mirror 6.1)

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Joan Is Awful. Es gibt eine Klausel, die fast jeder von uns schon einmal akzeptiert hat, ohne sie zu lesen. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dieser endlose Text, den niemand durchliest, auf dessen „Zustimmen” wir alle reflexhaft klicken, um endlich zum Film zu kommen. Joan Is Awful, die Auftaktfolge der sechsten Black-Mirror-Staffel, macht aus genau diesem alltäglichen Klick einen Albtraum. Sie erzählt von einer Frau, die eines Abends ihren Streamingdienst öffnet und dort eine neue Serie entdeckt. Titel: Joan Is Awful. Hauptfigur: sie selbst. Und was auf dem Bildschirm läuft, ist ihr eigener Tag, den sie gerade erst erlebt hat, nachgespielt bis ins kleinste, peinlichste Detail.

Es ist die vielleicht meta-verspielteste Folge, die Black Mirror je produziert hat, eine Satire auf den Streaming-Kapitalismus, auf Netflix selbst und auf eine Zukunft, in der nicht mehr unsere Daten das Produkt sind, sondern unser ganzes Leben.

Black Mirror

Die Serie über dich

Joan, gespielt von Annie Murphy, ist eine ganz normale Frau mit einem ganz normalen, nicht besonders heldenhaften Tag hinter sich. Sie hat eine Mitarbeiterin entlassen, ihren Verlobten angeschwiegen, ihren Ex getroffen, lauter kleine moralische Grauzonen, wie sie jeder Mensch durchlebt. Am Abend setzt sie sich mit ihrem Partner vor den Streamingdienst „Streamberry”, dessen Oberfläche dem Netflix-Original bis zur Unverschämtheit ähnelt, rote Kacheln auf schwarzem Grund inklusive. Und dort, unter den Neuerscheinungen, prangt eine Serie namens Joan Is Awful, mit Hollywoodstar Salma Hayek auf dem Vorschaubild.

Joan klickt, und das Grauen beginnt. Die Serie zeigt ihren Tag. Ihren exakten Tag, jede Entscheidung, jede Gemeinheit, jede Demütigung, dramatisiert und überspitzt, gespielt von Salma Hayek in der Rolle der „Joan”. Noch am selben Abend ist die Serie da, binnen Stunden produziert. Was Joan am Nachmittag getan hat, läuft am Abend als Fernsehunterhaltung für Millionen. Ihr Leben zerfällt in Echtzeit. Der Verlobte sieht, was sie verschwiegen hat, die Firma feuert sie, weil die Serie sie als Monster zeigt. Und niemand glaubt ihr, dass sie das nicht abonniert, nicht genehmigt, nie gewollt hat.

Die Erklärung steckt im Kleingedruckten. Joan hat, wie wir alle, die Nutzungsbedingungen von Streamberry akzeptiert, ohne sie zu lesen. Und in diesen Bedingungen hat sie dem Konzern das Recht abgetreten, ihr Leben in Echtzeit zu überwachen und als Content zu verwerten. Ein Quanten-Computer wandelt ihre Daten in eine Serie um, generiert von einer künstlichen Intelligenz, verkörpert von einem digitalen Abbild eines Stars, der ebenfalls, per Vertrag, seine Rechte abgetreten hat.

Du hast den Bedingungen zugestimmt. Von diesem Moment an gehört dein Leben nicht mehr dir, sondern dem Algorithmus, der es in Unterhaltung verwandelt.

Die Puppen in der Puppe

Der eigentliche Geniestreich der Folge ist ihre Struktur, und hier muss man vorsichtig sein, um nicht zu viel zu verraten. Joan tut sich mit Salma Hayek zusammen, die ebenso entsetzt ist, dass ihr digitales Abbild gegen ihren Willen Dinge tut, und gemeinsam versuchen sie, das System zu Fall zu bringen. Dabei stellt sich heraus, dass die Wirklichkeit, die wir für Joans Wirklichkeit hielten, selbst schon eine Ebene der Simulation ist. Es gibt eine Joan über der Joan, und über der womöglich noch eine. Die Folge dreht sich in sich selbst wie eine russische Puppe, bis die Frage, wer hier eigentlich der echte Mensch ist, keine klare Antwort mehr hat.

Dieser Twist ist kein billiger Taschenspielertrick, sondern die konsequente Pointe des Themas. Wenn jedes Leben zu Content werden kann, dann ist am Ende niemand mehr sicher, auf welcher Ebene sein eigenes Leben stattfindet, ob er der Zuschauer ist oder längst selbst die Serie.

Die ehrliche Einordnung

Joan Is Awful ist nach dem düsteren Ernst der fünften Staffel ein bewusster Tonwechsel. Die Folge ist komisch, schnell, böse und selbstironisch, Brooker richtet das Messer unverhohlen gegen die eigene Plattform, gegen Netflix, das diese Folge produziert und ausstrahlt. Eine Serie, die den Streamingkonzern dafür verspottet, dass er alles zu Content macht, und die selbst Content dieses Konzerns ist, das ist ein Widerspruch, den die Folge nicht auflöst, sondern genussvoll ausstellt. Die Szene, in der ein Streamberry-Manager erklärt, dass negative, verstörende Inhalte das Publikum am stärksten binden, ist eine Selbstanklage mit Augenzwinkern.

Nicht alle Kritiker waren restlos überzeugt. Manchen war die Meta-Ebene zu verspielt, der Kommentar zu offensichtlich, die Folge mehr clever als tief. Und in der Tat liegt die Botschaft hier offener zutage als in den besten Episoden der Serie, es gibt wenig zu interpretieren, wenn eine Figur das Thema direkt ausspricht. Aber als Satire funktioniert die Folge glänzend, und ihr Kerngedanke ist von unangenehmer Aktualität. Wir haben alle unzählige Nutzungsbedingungen akzeptiert, ohne zu wissen, was wir abgetreten haben. Wir füttern Plattformen täglich mit unserem Leben, unseren Fotos, unseren Gedanken, unseren Vorlieben. Und generative KI ist inzwischen so weit, dass die Vorstellung einer Serie, die binnen Stunden aus unseren Daten zusammengerechnet wird, keine ferne Science-Fiction mehr ist, sondern eine Frage von Jahren (Monaten?).

Joan Is Awful nimmt die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie und treibt sie an ihr Ende. Heute verkaufen wir unsere Daten für kostenlose Dienste. Morgen, so die Folge, verkaufen wir unser Leben als Unterhaltung, ohne es zu merken. Das ist die alte Black-Mirror-Frage in neuem Gewand. Nicht die Technik ist das Monster, sondern der Deal, den wir mit ihr eingehen, Klick für Klick, ohne hinzusehen.

Black Mirror, Joan Is Awful. Staffel 6, Episode 1. Großbritannien/USA 2023, Netflix. Regie: Ally Pankiw. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Annie Murphy, Salma Hayek, Michael Cera, Himesh Patel. Laufzeit rund 55 Minuten. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Streaming · Künstliche Intelligenz · Überwachung · Charlie Brooker · dystopien.de

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