Krieg der Welten (2005): Amerika unter dem Himmel

dystopien.de · Film · Klassiker · Gesellschaftskritik · 9/11 · Steven Spielberg

Es gibt Filme, die zur falschen Zeit kommen. Und es gibt Filme, die zur einzig möglichen Zeit kommen. Steven Spielbergs Verfilmung von Krieg der Welten erschien im Sommer 2005 — keine vier Jahre nach dem 11. September 2001. Das ist kein Zufall. Es ist der Schlüssel zu allem.

H.G. Wells hatte 1898 eine Geschichte über Kolonialismus geschrieben — über das, was passiert, wenn die Überlegenheit die Seiten wechselt. Spielberg dreht das nicht um. Er verschiebt es. Was bei Wells eine politische Analyse war, wird bei Spielberg zu etwas Intiimeren, Persönlicheren — und dadurch nicht weniger beunruhigend: die Erfahrung, dass die Welt, die man für sicher hielt, in einem Moment aufhört zu existieren.

Das kennt Amerika. Es hat einen Namen dafür.

Steven Spielberg: Der Mann, der Angst versteht

Steven Spielberg ist der meistgesehene Regisseur der Filmgeschichte. Kein anderer hat mehr Menschen in Kinosäle gebracht — von Jaws über E.T. bis Schindler’s List. Was seine Karriere durchzieht, ist nicht Technik oder Spektakel, sondern ein präzises Verständnis dafür, wie Angst funktioniert. Nicht die Angst vor dem Monströsen. Die Angst vor dem Verlust — von Menschen, von Kontrolle, von der Vorstellung, dass die Welt einen Sinn ergibt.

Ein wenig bekanntes Detail: Spielberg drehte Krieg der Welten und Munich im selben Jahr, 2005 — zwei Filme, die beide von Trauma handeln, von Gewalt, die keine einfachen Antworten lässt. Er wechselte zwischen den Produktionen hin und her. Dass beide in ihrer Wucht funktionieren, sagt alles über seine Arbeitsweise: Er denkt nicht in Projekten. Er denkt in Fragen.

Für Krieg der Welten stellte er sich eine einzige Frage: Wie fühlt es sich an, wenn der Himmel aufhört, sicher zu sein?

Tom Cruise: Der Held, der keiner ist

Tom Cruise ist einer der wenigen Schauspieler, deren bloße Anwesenheit eine Erwartung erzeugt. Man kennt ihn als Ethan Hunt, als Maverick, als den Mann, der seine eigenen Stunts dreht — und das nicht als PR-Gag, sondern weil er es tatsächlich tut. Für die Mission: Impossible-Reihe hing er an echten Flugzeugen, tauchte in echten Unterwassertanks, brach sich den Knöchel beim Drehen und machte weiter.

Genau deshalb ist seine Rolle in Krieg der Welten so klug gewählt. Ray Ferrier ist kein Held. Er ist ein geschiedener Dockarbeiter, der seine Kinder kaum kennt, der überfordert ist, der falsche Entscheidungen trifft, der rennt. Cruise spielt gegen sein eigenes Image — und das mit einer Konsequenz, die den Film trägt. Der Mann, den das Publikum mit Unbesiegbarkeit assoziiert, ist hier schlicht: ein Vater, der versucht, seine Kinder am Leben zu erhalten. Mehr nicht.

Das ist die dystopische Kernfrage des Films: Was bleibt vom Menschen, wenn die Zivilisation wegfällt? Bei Cruise bleibt Instinkt. Und Instinkt ist keine Heldengeschichte.

Post-9/11: Die Angst hat eine neue Form

Spielberg hat in Interviews offen gesagt, dass er den Film nicht ohne den 11. September hätte machen können — nicht so, wie er ihn gemacht hat. Die Bilder sprechen für sich: Asche, die auf Menschen fällt. Zettel mit Vermissten, die an Wände geklebt werden. Menschenmassen, die fliehen, ohne zu wissen wovor. Züge, die brennend durch Bahnhöfe rasen.

Das sind keine Science-Fiction-Bilder. Das sind Erinnerungen.

Was Wells 1898 als Kolonialismuskritik angelegt hatte — die Erfahrung, von einer überlegenen Macht behandelt zu werden wie ein Objekt — trägt Spielberg in eine andere Dimension. Es geht nicht mehr um Schuld und Geschichte. Es geht um das nackte Gefühl der Hilflosigkeit. Darum, dass Stärke keine Garantie ist. Dass Technologie keine Garantie ist. Dass das, was man für unverletzlich hielt, es nicht ist.

Amerika kannte dieses Gefühl. Es war vier Jahre alt, als der Film in die Kinos kam.

Was der Film vom Buch behält — und was nicht

Wells‘ Roman ist eine politische Analyse. Spielbergs Film ist ein emotionales Erlebnis. Das ist keine Kritik — es ist eine Entscheidung, und eine bewusste.

Was bleibt: die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber einer überlegenen Macht. Die Erkenntnis, dass Zivilisation dünner ist als ihr Anschein. Das Ende durch Bakterien — Wells‘ Pointe, die Spielberg übernimmt und die im Film genauso unbefriedigend wirkt wie im Roman. Absichtlich.

Was sich verändert: Der Fokus verschiebt sich vom gesellschaftlichen zum persönlichen. Wells interessiert sich für den Zusammenbruch einer Zivilisation. Spielberg interessiert sich für einen Mann und seine Kinder. Das macht den Film kleiner im Maßstab — und größer in der Unmittelbarkeit.

Die Marsianer sind bei Spielberg nicht neu. Sie waren schon immer hier, unter der Erde, wartend. Das ist ein Detail, das Wells nicht hat — und das den Film in eine andere Richtung dreht: Das Fremde war nicht draußen. Es war die ganze Zeit unter uns.

Dystopie ohne Erklärung

Was Krieg der Welten (2005) zu einem genuinen dystopischen Film macht, ist nicht das Spektakel. Es ist die Weigerung, zu erklären.

Es gibt keine Szene, in der Wissenschaftler die Marsianer analysieren. Keine Pressekonferenz. Keinen Präsidenten, der eine Rede hält. Die Welt bricht zusammen, und niemand weiß warum — und niemand erklärt es. Ray Ferrier weiß nicht mehr als der Zuschauer. Er rennt. Er versteckt sich. Er trifft Entscheidungen, die keine richtigen Entscheidungen sind.

Das ist die Wahrheit über Katastrophen, die Spielberg hier festhält: Sie werden nicht erklärt, während sie passieren. Man erlebt sie. Man überlebt sie — oder nicht. Und das Verstehen kommt, wenn überhaupt, viel später.

Oder gar nicht.

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Krieg der Welten. USA 2005. Regie: Steven Spielberg. Hauptdarsteller: Tom Cruise, Dakota Fanning, Tim Robbins. Basierend auf dem Roman von H.G. Wells (1898).

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