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Leave the World Behind. Manche Filme scheitern an ihrem Ende, und manche scheitern daran, dass sie gar keines haben. Leave the World Behind, der 2023 bei Netflix erschienene Endzeitthriller von Sam Esmail, gehört in die zweite Kategorie. Es ist ein Film mit einer beklemmenden ersten Hälfte, einer dichten Atmosphäre und einer brandaktuellen Prämisse, und doch lässt er viele Zuschauer mit einem Gefühl zurück, das man schwer abschüttelt. Das war der Aufbau. Wo ist der Film?
Für uns gehört der Film auf keine Bestenliste. Denn so sehenswert die Machart in einzelnen Teilen ist, für die hundert besten dystopischen Filme ist Leave the World Behind am Ende zu flach. Er wirft große Fragen auf und beantwortet keine davon. Das ist keine Kunstfertigkeit, sondern der eloquente Versuch, sich um die eigentliche Geschichte zu drücken. Er fühlt sich an wie das Prequel zu einem Film, der nie gedreht wurde. Oder den wir in einer zu erwartenden dystopischen Welt dann endlich auf der nicht vorhandenen Leinwand sehen werden.

Die Prämisse und die Macher
Die Ausgangslage ist stark. Amanda und Clay Sandford, gespielt von Julia Roberts und Ethan Hawke, mieten für ein Wochenende ein abgelegenes, luxuriöses Ferienhaus auf Long Island. Kaum angekommen, bricht die Welt zusammen, ein massiver Cyberangriff legt Internet, Mobilfunk und alle Kommunikationsnetze lahm. Mitten in der Nacht tauchen zwei Fremde auf, G. H. Scott und seine Tochter, gespielt von Mahershala Ali und Myha’la, die behaupten, die Eigentümer des Hauses zu sein und in der Stadt nicht mehr weiterkommen. Die beiden Familien müssen sich arrangieren, während draußen die Ordnung zerfällt und niemand weiß, was eigentlich geschieht.

Hinter dem Film steht Sam Esmail, der Schöpfer von Mr. Robot, jener Serie über Hacker und den Zusammenbruch des Finanzsystems, die wir in unserer Serienliste führen. Esmail schrieb das Drehbuch und führte Regie, nach dem gefeierten Roman von Rumaan Alam aus dem Jahr 2020. Produziert wurde der Film unter anderem von der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama, ein Umstand, der nach Erscheinen für allerlei Spekulationen sorgte. Die Besetzung ist erstklassig, neben Roberts, Hawke und Ali auch Kevin Bacon in einer Nebenrolle. An Talent und Mitteln fehlte es diesem Film nicht.

Wo der Film stark ist
Man muss dem Film lassen, was ihm gebührt. Die erste Hälfte ist ausgezeichnet. Esmail ist ein begabter Stilist, und seine Handschrift ist unverkennbar, die kalte Symmetrie der Bilder, die langen, gleitenden Kamerafahrten, das langsame, unerbittliche Hineinbohren der Angst, die außergewöhnlichen Perspektiven. Der Film baut eine echte, kriechende Paranoia auf, die Unsicherheit, wem man trauen kann, die wachsende Ahnung, dass etwas Großes, Unbegreifliches im Gange ist, ohne dass man es fassen könnte.

Und die Prämisse trifft einen Nerv. Leave the World Behind verhandelt die vollständige Abhängigkeit des modernen Menschen von seinen Netzen. Was geschieht, wenn Internet und Mobilfunk von einem Moment auf den anderen verschwinden? Wenn man keine Nachrichten mehr empfängt, keine Angehörigen erreichen, nicht einmal mehr herausfinden kann, was eigentlich passiert ist? Der Film zeigt eindrücklich, wie hilflos, wie blind, wie schnell panisch der Mensch wird, dem man seine digitale Nabelschnur durchschneidet. Das ist dieselbe Angst, die auch Marc Elsbergs Blackout zugrunde liegt, der Zusammenbruch der Infrastruktur als Auslöser des gesellschaftlichen Zerfalls.

Der Schrecken liegt nicht in dem, was man sieht, sondern in dem, was man nicht mehr erfährt. Die Welt bricht zusammen, und man steht in einem schönen Ferienhaus und weiß nicht einmal, warum.

Wo der Film scheitert
Und dann kommt das Ende, oder vielmehr, es kommt nicht. Nach einer Stunde sorgfältig aufgebauter Spannung löst Leave the World Behind nichts auf. Man erfährt nie genau, wer den Angriff ausgeführt hat, was wirklich geschieht, wie es für die Figuren weitergeht. Der Film deutet einen größeren Zusammenhang an, eine mögliche Erklärung, ein Dreistufenplan zur Destabilisierung eines Landes, aber er bleibt im Vagen. Die letzten Bilder zeigen die Skyline von New York, die in Rauch und Flammen aufgeht, und dann, als Schlusspointe, findet eine der Figuren den Bunker eines Nachbarn und setzt sich hin, um die letzte Folge der Serie Friends zu schauen, während die Titelmelodie läuft.
Das ist das kontroverse Ende, und es hat das Publikum tief gespalten. Die Kritik, die den Film mit Vorkenntnis des Romans betrachtete, fand das offene Ende oft reizvoll, der Kritiker-Score liegt bei rund drei Vierteln. Das Publikum aber reagierte deutlich anders, der Zuschauer-Score sackte auf etwa vierzig Prozent ab. Tausende schrieben online genau das, was auch unser Eindruck ist, der Film brauche einen zweiten Teil, das Ende fühle sich an wie der Anfang des eigentlichen Films. Es ist eine der treffendsten Beschreibungen des Problems. Leave the World Behind baut und baut und baut, und dann, im Moment, in dem die Geschichte eigentlich beginnen müsste, hört er auf.
Regisseur Esmail hat das Ende bewusst so gewählt und verteidigt, er habe provozieren, Gespräche auslösen, dem Publikum keine bequeme Auflösung schenken wollen, und auch Romanautor Alam lobte die Entscheidung, weil schon das Buch mit einem Fragezeichen ende. Man kann das als mutig verstehen. Man kann es aber auch als das sehen, was es für viele Zuschauer ist, als Ausweichen vor der Verantwortung, eine Geschichte auch zu Ende zu erzählen. Ein offenes Ende, das Deutungsräume öffnet, ist das eine. Ein Abbruch, der sich anfühlt, als habe man den zweiten Akt gestrichen, ist etwas anderes.

Warum er nicht in unsere Top 100 gehört
Weil ihm unter der glänzenden, stilsicheren Oberfläche die Tiefe fehlt. Leave the World Behind sieht aus wie ein bedeutender Film, er klingt wie einer, er ist besetzt und produziert wie einer. Aber er hat letztlich wenig zu sagen, das über die Grundbeobachtung hinausginge, dass wir von unserer Technik abhängig und ohne sie verloren sind. Diese Beobachtung ist richtig, aber sie ist nicht neu, und der Film vertieft sie nicht, er illustriert sie nur eine Stunde lang und bricht dann ab.

Die großen Dystopien unserer Liste tun mehr. Sie bauen eine Welt, sie führen einen Gedanken zu Ende, sie hinterlassen eine Erkenntnis, die bleibt. Leave the World Behind hinterlässt vor allem ein Schulterzucken und die Frage, ob da noch etwas kommt. Der Film ist zu flach für die Spitzengruppe, nicht weil er schlecht gemacht wäre, sondern weil er die Ambition seiner Machart nicht mit einer entsprechenden inhaltlichen Substanz einlöst. Er ist, um es mit einem Wort zu sagen, ein eindrucksvoller Trailer für einen Film, der nie kommt.

Sehenswert ist er trotzdem, für die starke erste Hälfte, für die Atmosphäre, für Esmails Bildsprache, für die beklemmend aktuelle Prämisse. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt. Wer eine Auflösung erwartet, eine Erklärung, ein Ende, wird enttäuscht. Wer sich mit einer Stimmung, einem Gefühl, einer offenen Frage zufriedengibt, findet einen interessanten, wenn auch unvollendeten Film.
Vielleicht ist das sogar die unfreiwillig passendste Pointe. Ein Film über den Zusammenbruch der Welt, der selbst zusammenbricht, bevor er fertig ist. Nur dass man bei der Welt gern gewusst hätte, wie es weitergeht. Beim Film ist man sich da nicht so sicher.
Leave the World Behind. USA 2023. Regie und Drehbuch: Sam Esmail, nach dem Roman von Rumaan Alam (2020). Darsteller: Julia Roberts, Ethan Hawke, Mahershala Ali, Myha’la, Kevin Bacon. Produktion unter anderem Esmail Corp, Red Om Films und Higher Ground Productions. Erschienen bei Netflix im Dezember 2023. Kritiker-Wertung rund 74 Prozent, Publikumswertung rund 40 Prozent.
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