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Fast jeder kennt die Bilder. Die getürmte Stadt der Reichen, die unterirdische Welt der Arbeiter, der Maschinenmensch mit dem Frauengesicht. Fritz Langs Film Metropolis von 1927 gehört zum visuellen Gedächtnis der Menschheit. Doch der Film hatte eine Vorlage, und diese Vorlage hatte eine Autorin, deren Name heute oft nur als Fußnote erscheint: Thea von Harbou. Sie schrieb den Roman Metropolis, und sie schrieb das Drehbuch. Ohne sie kein Film, keine Bilder, kein Mythos.
Der Roman erschien 1925, zwei Jahre vor dem Film, als Vorabveröffentlichung in einer Illustrierten und dann als Buch. Er ist kein bloßes Begleitprodukt zur Verfilmung, sondern das eigentliche Fundament, aus dem der Film entstand. Und er verdient eine eigene Betrachtung, gerade weil er heute im Schatten der übermächtigen Bilder steht, die er selbst hervorgebracht hat.

Thea von Harbou: Die mächtigste Autorin ihrer Zeit
Thea von Harbou, geboren 1888, war zu ihrer Zeit eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Frauen des deutschen Films. Sie begann als Schauspielerin und Schriftstellerin, veröffentlichte Romane und Erzählungen und wurde in den zwanziger Jahren zur gefragtesten Drehbuchautorin des deutschen Kinos. Sie schrieb an fast allen großen Filmen ihres damaligen Ehemanns Fritz Lang mit: an Die Nibelungen, an Metropolis, an M, an Das Testament des Dr. Mabuse. Ihre Handschrift prägte das goldene Zeitalter des Weimarer Kinos entscheidend mit.
Das ist eine bemerkenswerte Stellung für eine Frau in den zwanziger Jahren. Von Harbou war keine Zuarbeiterin, sondern eine treibende kreative Kraft, oft die eigentliche Erzählerin hinter Langs visuellen Meisterwerken. Sie beherrschte das Handwerk der großen Form, des Mythos, der starken Bilder in Worten.
Und ihre Geschichte ist zugleich eine der beunruhigendsten Widersprüche der deutschen Kulturgeschichte, doch dazu später mehr.
Die Stadt der Zukunft
Der Roman entwirft eine Stadt in ferner Zukunft, die vollständig in zwei Welten geteilt ist. Oben, in gewaltigen Wolkenkratzern, im Licht und im Luxus, lebt die herrschende Klasse. Ihre Söhne vergnügen sich in Lustgärten und Sportstadien, hoch über allem thront der Herrscher der Stadt, der Großindustrielle Joh Fredersen, der Metropolis wie ein Gott von seinem Büro aus lenkt.
Tief unter der Erde, in der Dunkelheit, lebt und schuftet die Klasse der Arbeiter. Sie bedienen die riesigen Maschinen, die Metropolis am Leben halten. Ihr Leben ist Arbeit, Erschöpfung und Gleichförmigkeit, im Takt der Maschinen, in immer gleichen Schichten, ohne Hoffnung, ohne Aufstieg, ohne das Licht der oberen Welt je zu sehen.
Diese vertikale Teilung der Gesellschaft ist die zentrale Idee des Werks. Klasse wird zu Architektur, Macht wird zu Höhe, Ausbeutung wird zu Tiefe. Von Harbou goss den sozialen Konflikt ihrer eigenen Zeit, die brodelnden Klassenkämpfe der frühen Weimarer Republik, in ein mythisches Bild, das bis heute jede Dystopie über gespaltene Gesellschaften prägt.
Freder, Maria und die falsche Erlöserin
Die Handlung folgt Freder, dem Sohn des Stadtherrschers, der die Unterwelt entdeckt und vom Elend der Arbeiter erschüttert wird. Er verliebt sich in Maria, eine junge Frau aus der Tiefe, die den Arbeitern Trost spendet und sie zur Geduld mahnt. Maria predigt, dass ein Vermittler kommen werde, der die getrennten Welten versöhnt, einer, der zwischen dem Kopf, der herrschenden Klasse, und den Händen, den Arbeitern, stehen wird.
Doch Fredersen, der Herrscher, will den aufkeimenden Widerstand brechen. Gemeinsam mit dem Erfinder Rotwang erschafft er einen künstlichen Menschen, einen Maschinenmenschen, dem er das Gesicht Marias gibt. Diese falsche Maria wird zur Aufwieglerin, die die Arbeiter zum blinden Aufstand treibt, sie zur Zerstörung der Maschinen verführt und damit beinahe eine Katastrophe auslöst, die ihre eigenen Kinder in der überfluteten Unterstadt das Leben kosten würde.
Der Maschinenmensch mit Frauengesicht ist von Harbous folgenreichste Schöpfung. Der künstliche Mensch, der die Ordnung zerstört, ohne Verantwortung zu kennen, wurde zum Urbild einer ganzen Reihe von Robotern und künstlichen Intelligenzen, die nach ihm kamen, von den Repliканten bis zu den KI-Ängsten der Gegenwart.
Die umstrittene Botschaft
Der Roman läuft auf eine berühmte Formel zu, die auch der Film übernahm. Der Mittler zwischen Kopf und Hand muss das Herz sein. Versöhnung, so die Botschaft, entsteht nicht durch Revolution, nicht durch Klassenkampf, sondern durch das mitfühlende Herz, das die Gegensätze überbrückt. Am Ende reichen sich der Herrscher und der Anführer der Arbeiter die Hand, vermittelt durch Freder, das Herz.
Diese Lösung war schon zu ihrer Zeit umstritten, und sie ist es bis heute. Kritiker sahen darin eine naive, ja gefährliche Botschaft. Sie verspricht sozialen Frieden ohne echte Veränderung der Machtverhältnisse. Die Arbeiter bleiben unten, der Herrscher bleibt oben, nur soll nun das Herz alles gut machen. Der Klassenkonflikt wird nicht gelöst, sondern gefühlvoll übertüncht. Selbst Fritz Lang distanzierte sich später von dieser schlichten Moral und nannte sie kitschig und falsch.
Die Schwäche der Botschaft ist die Schwäche des Werks. Metropolis ist stärker in seinen Bildern als in seinen Ideen, mächtiger in der Beschreibung des Problems als in seiner Auflösung. Aber gerade die Kraft der Bilder hat überdauert, während die naive Moral verblasste.
Der Schatten: Von Harbous Weg in den Nationalsozialismus
Man kann über Thea von Harbou nicht schreiben, ohne den beunruhigendsten Teil ihrer Geschichte zu benennen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, trennten sich die Wege des berühmten Künstlerpaares auf dramatische Weise. Fritz Lang, dessen Mutter aus einer jüdischen Familie stammte, verließ Deutschland und ging über Umwege nach Hollywood. Thea von Harbou blieb. Sie trat der NSDAP bei und arbeitete weiter im deutschen Film des Dritten Reichs.
Dieser Widerspruch ist schwer aufzulösen. Die Frau, die Metropolis schrieb, ein Werk, das man als Mahnung gegen Entmenschlichung und Ausbeutung lesen kann, stellte sich in den Dienst des menschenverachtendsten Regimes der Geschichte. Manche Interpreten sehen darin einen Beleg, dass die Ideenwelt von Metropolis von Anfang an anfällig war, dass ihr Ruf nach einem starken, versöhnenden Führer, nach dem Herz an der Spitze, eine autoritäre Sehnsucht barg, die sich später politisch entlud. Andere trennen das Werk von der Biografie ihrer Autorin.
Für dystopien.de gehört beides benannt. Das Werk ist bedeutend. Der Weg seiner Schöpferin ist eine Warnung für sich, ein Beispiel dafür, wie eine große Künstlerin sich einer Ideologie andienen kann, gegen deren Grundlagen ihr eigenes berühmtestes Werk zu sprechen scheint.
Warum Metropolis auf Platz 4 unserer Liste steht
Weil es die Ursprungsvision der modernen Dystopie in deutscher Sprache ist. Von Harbou schuf die Bildwelt, aus der ein ganzes Genre schöpft, die vertikal geteilte Stadt, die menschenfressende Maschine, den künstlichen Menschen, die Masse als gesichtsloses Ornament. Ohne Metropolis sähe die dystopische Fantasie des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts anders aus.
Der Roman ist dem Film unterlegen, das muss man sagen. Von Harbous Prosa ist pathetisch, oft überladen, ihre Sprache schwelgt in einem gefühligen Expressionismus, der heute schwer zu lesen ist. Der Film destillierte aus diesem Stoff etwas Klareres, Mächtigeres. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen die Verfilmung die literarische Vorlage übertrifft.
Aber die Vorlage war da zuerst. Die Idee, die Vision, die Bilder in Worten stammen von einer Frau, die man zu oft vergisst, wenn man von Metropolis spricht. Thea von Harbou hat die Zukunft entworfen, in der wir bis heute denken. Dass ihr eigener Weg in die Dunkelheit führte, macht ihr Werk nicht kleiner, aber es macht es komplizierter. Und vielleicht ist gerade diese Zwiespältigkeit die dystopischste Lehre von allen. Dass die Fähigkeit, den Abgrund zu beschreiben, nicht davor schützt, selbst hineinzugehen.
Thea von Harbou: Metropolis. Zuerst 1925 als Vorabdruck erschienen, 1926 als Buch. Grundlage für den gleichnamigen Film von Fritz Lang (1927), zu dem von Harbou auch das Drehbuch schrieb. Deutsche Ausgaben u. a. bei Ullstein.
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