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Nosedive: Fünf Sterne für ein Leben (Black Mirror 3.1)

dystopien.de · Serie · Black Mirror · Soziale Bewertung · Konformität · Charlie Brooker

Nosedive. Es gibt eine Welt, die auf den ersten Blick wie ein Paradies aussieht. Alles ist sauber, freundlich, in zarte Pastelltöne getaucht, jeder lächelt, jeder ist höflich, jeder wünscht dem anderen einen wunderbaren Tag. Und genau diese Welt ist die Hölle. Nosedive, die Eröffnungsfolge der dritten Staffel und die erste, die Black Mirror für Netflix produzierte, entwirft eine Gesellschaft, in der jeder Mensch jeden anderen nach jeder Begegnung mit ein bis fünf Sternen bewertet, und in der dieser Durchschnittswert über alles entscheidet, über die Wohnung, den Job, den Zugang zu Verkehrsmitteln, über die soziale Existenz schlechthin. Es ist die Dystopie der totalen sozialen Bewertung, und sie ist der realen Gegenwart so nah gekommen, dass einem das Lächeln im Hals stecken bleibt.

Die Folge gehört zu den bekanntesten und meistdiskutierten der ganzen Serie, und sie hat prominente Urheber. Die Geschichte stammt von Charlie Brooker, das Drehbuch schrieben Rashida Jones und Michael Schur, bekannt aus amerikanischen Comedy-Serien, und Regie führte Joe Wright, der Mann hinter Filmen wie Abbitte und Stolz und Vorurteil. Diese Mischung aus britischer Schärfe, amerikanischem Erzählhandwerk und großer Kinoregie macht Nosedive zu etwas Besonderem, einer Folge, die schön aussieht und gerade dadurch verstört.

Black Mirror

Die Währung des Lächelns

Die Welt von Nosedive funktioniert nach einem einfachen, bestechenden Prinzip. Jeder Mensch trägt Augenimplantate und ein Smartphone, mit denen er jede zwischenmenschliche Begegnung sofort bewerten kann. Der Kaffeeverkäufer bewertet die Kundin, die Kundin den Verkäufer, der Kollege den Kollegen, der Fremde den Fremden. Aus all diesen Bewertungen errechnet sich für jeden ein Durchschnittswert zwischen null und fünf, und dieser Wert ist über jedem Menschen jederzeit sichtbar. Er ist nicht nur eine Zahl, er ist alles. Wer einen hohen Wert hat, bekommt bessere Wohnungen, günstigere Kredite, bevorzugte Behandlung überall. Wer einen niedrigen Wert hat, wird zum Ausgestoßenen, zum Menschen zweiter Klasse, dem Türen verschlossen bleiben.

Im Zentrum steht Lacie, gespielt von Bryce Dallas Howard, eine junge Frau mit einem respektablen Wert von 4,2, die verzweifelt höher hinaus will. Sie träumt von einer Luxuswohnung, die sie sich nur leisten kann, wenn sie einen Wert von 4,5 erreicht. Ein Berater erklärt ihr, der schnellste Weg nach oben führe über positive Bewertungen von hochbewerteten Menschen, von den Angehörigen der oberen Gesellschaftsschicht. Als eine alte Freundin mit dem Spitzenwert 4,8 sie bittet, Trauzeugin auf ihrer Hochzeit zu sein, sieht Lacie ihre große Chance. Die Hochzeit, voller hochbewerteter Gäste, könnte ihren Wert mit einem Schlag in die Höhe treiben.

In Lacies Welt ist jedes Lächeln eine Transaktion, jede Freundlichkeit eine Investition, jede Begegnung eine Prüfung. Niemand ist je einfach nur ehrlich, denn Ehrlichkeit kostet Sterne. Die ganze Gesellschaft ist zu einer einzigen, erschöpfenden Performance geworden.

Der Absturz

Der Titel verrät schon, wohin die Reise geht. Lacies Fahrt zur Hochzeit wird zu einem einzigen, unaufhaltsamen Absturz. Eine Verkettung von Missgeschicken, ein verpasster Flug, ein Streit am Flughafenschalter, eine Reihe kleiner Unhöflichkeiten, die unter dem Druck der Situation aus ihr herausbrechen, lässt ihren Wert Schritt für Schritt sinken. Und je tiefer er sinkt, desto schlechter wird sie behandelt, desto mehr Türen schließen sich, desto verzweifelter wird sie, desto mehr Fehler macht sie, desto weiter fällt ihr Wert. Es ist eine Todesspirale, ein sich selbst beschleunigender Niedergang, denn in dieser Welt zieht ein niedriger Wert weitere schlechte Bewertungen nach sich, und wer einmal zu fallen beginnt, den lässt das System immer tiefer stürzen.

Diese Dynamik ist die scharfsinnigste Beobachtung der Folge. Das Bewertungssystem belohnt nicht nur die Angepassten, es bestraft auch gnadenlos jeden, der strauchelt, und es macht die Erholung fast unmöglich. Ein schlechter Tag, ein menschlicher Moment der Schwäche, ein einziger ehrlicher Ausbruch, und man ist erledigt. Das System erzwingt eine permanente, lückenlose Selbstkontrolle, ein ewiges Lächeln, eine totale Unterdrückung aller echten Gefühle, denn jede Authentizität ist ein Risiko. Lacie zerbricht genau an diesem Zwang, an der Unmöglichkeit, immer perfekt, immer freundlich, immer bewertbar gut zu sein.

Die Freiheit ganz unten

Das Ende der Folge ist von einer befreienden Bitterkeit. Als Lacie ganz unten angekommen ist, ihr Wert im Keller, ihre gesellschaftliche Existenz zerstört, landet sie schließlich im Gefängnis, und man entfernt ihr die Augenimplantate, die sie mit dem Bewertungssystem verbanden. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie frei von den Sternen, frei von der Zahl über ihrem Kopf, frei von der Pflicht zu gefallen. Und in dieser Gefängniszelle, ganz unten, geschieht das Paradoxe. Lacie erlebt die erste echte Freiheit ihres Lebens.

In der Schlussszene steht sie einem anderen Gefangenen gegenüber, und die beiden beginnen, sich gegenseitig anzuschreien, sich ungehemmt zu beschimpfen, mit einer Wut und einer Ehrlichkeit, die in der höflichen Pastellwelt draußen undenkbar wären. Und während sie sich anbrüllen, lächeln sie, lachen fast, denn dieser Austausch von echten, hässlichen, ungefilterten Gefühlen ist eine Erlösung. Endlich müssen sie nicht mehr freundlich sein. Endlich dürfen sie fühlen, was sie fühlen. Die totale Freiheit beginnt da, wo das System endet, ganz unten, im Gefängnis, im sozialen Tod.

Das ist dieselbe Erkenntnis, die auch den großen deutschsprachigen Gesundheits- und Optimierungsdystopien zugrunde liegt, über die wir hier geschrieben haben, Juli Zehs Corpus Delicti und Theresa Hannigs Die Optimierer. Die Freiheit des Menschen schließt das Recht ein, unangepasst zu sein, unhöflich, unperfekt, schlecht bewertet. Ein System, das diese Freiheit nimmt, das jeden zwingt, immer gefällig zu sein, mag sauber und freundlich aussehen, aber es ist ein Gefängnis, und das wahre Gefängnis ist erst der Ort, an dem man ihm entkommt.

Als die Fiktion zur Wirklichkeit wurde

Nosedive erschien im Oktober 2016, und kaum eine Folge ist der Realität so schnell so nahe gekommen. Die Parallele, die Kritiker weltweit sofort zogen, ist das chinesische Sozialkreditsystem, das ungefähr zur selben Zeit in die Schlagzeilen geriet. Ein staatliches System, das Bürger nach ihrem Verhalten bewertet, nach ihrer Vertrauenswürdigkeit, und das reale Konsequenzen hat, Zugang zu Reisen, zu Krediten, zu Jobs, zu Wohnungen. Rashida Jones berichtete, dass Charlie Brooker ihnen schon während der Arbeit an der Folge Artikel über die chinesischen Pläne schickte, Dinge, die nicht real sein sollten und nun real wurden.

Und es ist nicht nur China. Die reale App Peeple, die es Menschen erlauben sollte, sich gegenseitig zu bewerten wie Produkte, wurde als Nosedive im echten Leben verspottet. Aber die tiefere Wahrheit der Folge liegt näher an uns allen, als wir wahrhaben wollen. Wir leben längst in einer abgeschwächten Version dieser Welt. Uber-Fahrer und Fahrgäste bewerten sich gegenseitig, Verkäufer leben von ihren Sternen, Hotels, Restaurants, Lieferdienste, jeder und alles wird bewertet, und in den sozialen Medien jagt eine ganze Generation den Likes, den Followern, der öffentlichen Zustimmung, und richtet ihr Verhalten danach aus. Die Zahl über dem Kopf gibt es schon, sie ist nur noch nicht ganz so allmächtig wie bei Lacie. Noch nicht.

Die ehrliche Einordnung

Nosedive gehört zu den beliebtesten und am höchsten bewerteten Folgen der Serie, und ironischerweise wurde die Folge über das Bewertungssystem selbst hervorragend bewertet. Ihre Stärken sind offensichtlich. Die visuelle Gestaltung unter Joe Wright ist herausragend, diese sonnige, pastellfarbene, scheinbar perfekte Welt, die unter ihrer glatten Oberfläche vor Verzweiflung brodelt. Bryce Dallas Howard liefert eine mutige, schonungslose Darstellung einer zunehmend verzweifelten Frau, und die Drehbuchautoren hatten den Mut, ihre Protagonistin nicht durchweg sympathisch zu zeichnen, sondern als jemanden, der das System selbst verinnerlicht hat und mitspielt, bis es ihn zermalmt.

Der häufigste Kritikpunkt ist die Vorhersehbarkeit. Der Titel verrät den Verlauf, und von der ersten Minute an ahnt man, dass Lacies Streben nach einem höheren Wert in der Katastrophe enden wird. Die Folge hält wenige echte Überraschungen bereit, ihr Weg ist absehbar. Manche Kritiker fanden sie zudem etwas zu lang, der Abstieg zu ausführlich ausgespielt. Doch diese Vorhersehbarkeit ist auch Teil des Konzepts. Man sieht den Absturz kommen und kann ihn doch nicht aufhalten, so wie Lacie selbst, und dieses Gefühl der Unausweichlichkeit spiegelt die Logik des Systems, das keinen Ausweg lässt außer dem totalen Zusammenbruch.

Nosedive ist damit eine der zugänglichsten und zugleich treffsichersten Dystopien der Serie. Sie braucht keine ferne Zukunftstechnologie, nur ein Smartphone und die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Anerkennung, nach Zustimmung, nach einem guten Bild in den Augen der anderen. Und sie zeigt, wie diese Sehnsucht, einmal technisch verstärkt und zum System gemacht, den Menschen in ein Gefängnis aus Lächeln verwandelt. Die Folge stellt die Frage, die uns alle angeht in einer Zeit, in der wir freiwillig jeden Tag um Likes und Sterne buhlen. Wie viel von unserem Verhalten ist noch echt, und wie viel ist nur noch Performance für eine unsichtbare Bewertung? Und was wären wir bereit aufzugeben, um ein halbes Sternchen höher zu steigen?

Lacie gab fast alles auf, und fand ihre Freiheit erst, als sie alles verloren hatte. Es ist eine bittere Lehre, verpackt in die freundlichsten Farben, die Black Mirror je verwendet hat. Fünf Sterne für ein Leben, das keines mehr ist. Und die Erlösung beginnt mit dem Mut, sich endlich wieder schlecht bewerten zu lassen.

Black Mirror, Nosedive. Staffel 3, Episode 1. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: Joe Wright. Story: Charlie Brooker. Drehbuch: Rashida Jones und Michael Schur. Darsteller: Bryce Dallas Howard, Alice Eve, Cherry Jones, James Norton. Laufzeit rund 63 Minuten. Die erste für Netflix produzierte Folge der Serie. Vielfach mit dem chinesischen Sozialkreditsystem verglichen. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Soziale Bewertung · Konformität · Charlie Brooker · dystopien.de

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