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Playtest. Es gibt eine alte Angst, die so tief sitzt, dass wir sie kaum benennen können. Die Angst, dass das, was wir für die Wirklichkeit halten, gar nicht die Wirklichkeit ist. Dass wir längst gefangen sind in etwas, aus dem es kein Erwachen gibt. Playtest, die zweite Folge der dritten Staffel von Black Mirror, nimmt diese Urangst und verbindet sie mit der Technologie der virtuellen und erweiterten Realität. Es ist die erste Folge, die Black Mirror als reinen Horrorfilm anlegt, ein psychologischer Albtraum, der zugleich eine der traurigsten und erschütterndsten Geschichten der ganzen Serie erzählt.
Regie führte Dan Trachtenberg, der kurz zuvor mit 10 Cloverfield Lane bewiesen hatte, dass er das Handwerk der Spannung und des Schreckens beherrscht. Und die Hauptrolle spielt Wyatt Russell, Sohn des Hollywood-Stars Kurt Russell, der seiner Figur eine Sympathie und Verletzlichkeit verleiht, die das Grauen der Folge erst wirklich unerträglich macht. Denn anders als viele Black-Mirror-Protagonisten ist Cooper kein Täter, kein Egoist, der seine Strafe verdient. Er ist ein liebenswerter junger Mann, der ein Schicksal erleidet, das er nicht verdient hat, und gerade das bricht einem das Herz.

Die Flucht und das Spiel
Cooper ist ein junger Amerikaner auf Weltreise. Er ist unterwegs, um etwas zu verarbeiten und zugleich zu verdrängen, den Tod seines Vaters, der an Alzheimer litt, langsam das Gedächtnis verlor, am Ende seinen eigenen Sohn nicht mehr erkannte. Cooper flieht vor diesem Schmerz, reist um die Welt, und er flieht auch vor seiner Mutter, deren Anrufe er beharrlich ignoriert, weil er die Konfrontation mit der Trauer, mit der Schuld, mit dem Verlust nicht erträgt. Diese ungelöste Beziehung zur Mutter, dieses schlechte Gewissen, ist der emotionale Kern der ganzen Folge, auch wenn man das erst am Ende vollständig begreift.
In London strandet Cooper ohne Geld. Über eine App, die Gelegenheitsjobs vermittelt, kommt er an einen lukrativen Auftrag. Er soll für die weltberühmte Spielefirma SaitoGemu ein streng geheimes neues Spiel testen. Man setzt ihm ein winziges Implantat ein, das sich mit seinem Gehirn verbindet und ihm erlaubt, eine erweiterte Realität zu sehen, Dinge, die nur für ihn existieren, über die reale Welt gelegt. Zunächst ist es harmlos, ein Spiel, bei dem er virtuelle Maulwürfe schlägt, die nur er sehen kann. Cooper ist begeistert von der Technik. Dann aber bietet man ihm für mehr Geld den nächsten Schritt an, ein Horrorspiel, das direkt sein Gehirn ausliest, seine tiefsten, persönlichsten Ängste erkennt und sie gegen ihn verwendet.
Das Spiel braucht keine vorgefertigten Monster. Es nimmt die Monster, die bereits in Cooper wohnen, seine verdrängten Ängste, seine Schuld, seine tiefste Furcht, und macht sie real. Der schlimmste Gegner ist der eigene Kopf.
Die Schichten der Realität
Cooper wird in ein altes, abgelegenes Herrenhaus gebracht, und das Spiel beginnt. Zunächst sind es harmlose Schrecken, eine gruselige Spinne, ein bedrohlicher Mitschüler aus der Kindheit. Doch das Spiel passt sich an, wird persönlicher, tiefer, gefährlicher. Es gräbt sich immer weiter in Coopers Psyche, holt immer verborgenere Ängste hervor, und bald verschwimmt für Cooper, und für den Zuschauer, die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit vollständig. Was ist noch real, was ist simuliert? Cooper bemerkt mit wachsendem Entsetzen, dass er seine Erinnerungen verliert, dass er sich selbst im Spiegel nicht mehr erkennt, dass das Spiel ihn von innen auffrisst.
Die Folge legt dann Realitätsebene über Realitätsebene, wie in einem Albtraum, aus dem man immer wieder zu erwachen glaubt, nur um festzustellen, dass auch das Erwachen noch Teil des Traums war. Cooper scheint zu entkommen, kehrt scheinbar heim zu seiner Mutter, die ihn jedoch nicht mehr erkennt, so wie einst sein dementer Vater, Coopers tiefste Angst, selbst vergessen zu werden, selbst zu verschwinden. Doch auch das ist nicht die Wirklichkeit. Die Schichten brechen immer weiter auf, bis der Zuschauer die Orientierung verliert, genau wie Cooper.
Der doppelte Twist
Das Ende von Playtest ist ein doppelter Schlag, und er gehört zu den grausamsten und zugleich traurigsten der Serie. Die letzte Enthüllung dreht alles Vorangegangene um. Cooper hat das Spiel nie wirklich gespielt, jedenfalls nicht so, wie es schien. In Wahrheit ging alles in dem Moment schief, als das Implantat aktiviert wurde. Ein Anruf seiner Mutter auf seinem Handy, das er nicht ausgeschaltet hatte, störte das empfindliche Signal und ließ die Technik in seinem Gehirn versagen. Cooper starb innerhalb von Sekundenbruchteilen, noch bevor das eigentliche Spiel überhaupt begann. Die ganze lange, verschachtelte Horrorgeschichte, die der Zuschauer miterlebt hat, spielte sich in einem winzigen Augenblick ab, im sterbenden Gehirn Coopers, ausgelöst durch die Fehlfunktion.
Und das Letzte, was Cooper tat, bevor er starb, war, nach seiner Mutter zu rufen. „Mom“ war sein letztes Wort. Die Frau, deren Anrufe er sein ganzes Reiseabenteuer lang ignoriert hatte, aus Angst, aus Schuld, aus Trauer, war im Moment seines Todes das Einzige, woran er dachte. Die bittere Ironie ist vollkommen. Es war der Anruf seiner Mutter, aus Sorge um ihn, der ihn tötete, und es war der Gedanke an seine Mutter, mit dem er starb. Die Beziehung, der er auswich, holte ihn ein, im letzten Sekundenbruchteil seines Lebens.
Die ehrliche Einordnung
Playtest gilt als eine der besten und zugleich unterschätzten Folgen der Serie. Ihre Stärken sind beträchtlich. Als Horrorfilm funktioniert sie hervorragend, Trachtenbergs Regie baut eine kriechende, klaustrophobische Spannung auf, die Schreckmomente sitzen, und die immer tiefere Verunsicherung über das, was real ist, zieht den Zuschauer in denselben Strudel, in dem Cooper gefangen ist. Wyatt Russell trägt die Folge mit einer Wärme und Verletzlichkeit, die seinen Untergang umso schmerzhafter macht. Und die emotionale Tiefe, die unter dem Horror liegt, die Geschichte eines Mannes, der vor seiner Trauer und seiner Schuld davonläuft, hebt die Folge weit über einen reinen Grusel hinaus.
Der häufigste Kritikpunkt betrifft die vielen Realitätsebenen und Twists. Manchen Zuschauern sind es zu viele falsche Böden, zu viele Täuschungen, so dass die Auflösung etwas konstruiert wirkt, ein Trick zu viel. Und wer die zahllosen vorausdeutenden Hinweise nicht bemerkt, die Brooker überall versteckt hat, kann das Ende als unfaire Überrumpelung empfinden. Zudem ist die zugrundeliegende Botschaft, die Warnung vor einer das Gehirn manipulierenden Spieltechnologie, weniger gesellschaftskritisch, weniger nah an einer realen Entwicklung als bei den stärksten Black-Mirror-Folgen. Playtest ist mehr psychologischer Horror als scharfe Zeitdiagnose.
Aber gerade darin liegt auch seine Besonderheit. Playtest zeigt, dass Black Mirror nicht immer die Gesellschaft sezieren muss, dass die Serie auch die ganz persönlichen, inneren Abgründe erkunden kann, die Angst vor dem Vergessen, die Schuld gegenüber den Menschen, die wir lieben, die Unfähigkeit, uns unserer Trauer zu stellen. Die Technologie ist hier nur der Auslöser, das Vehikel, das Coopers innere Hölle nach außen kehrt. Die eigentliche Dystopie ist nicht das Spiel, sondern das, was in Cooper selbst schlummert, die ungelösten Gefühle, die verdrängte Angst, die er mit sich herumträgt und vor denen er um die halbe Welt flieht.
Playtest ist damit eine Dystopie des Inneren, verwandt mit Glavinics Die Arbeit der Nacht, der Geschichte eines Mannes, den die Technik mit sich selbst konfrontiert, mit dem Fremden, dem Bedrohlichen, dem Verdrängten in der eigenen Seele. Und ihre Lehre ist so einfach wie erschütternd. Lauf nicht vor den Menschen weg, die du liebst, denn du weißt nie, wie wenig Zeit dir bleibt. Cooper lief, bis es zu spät war, und sein letztes Wort galt der Frau, die er nicht angerufen hatte. Es gibt wenige traurigere Enden im ganzen Werk von Black Mirror.
Black Mirror, Playtest. Staffel 3, Episode 2. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: Dan Trachtenberg. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Wyatt Russell, Hannah John-Kamen, Wunmi Mosaku. Laufzeit rund 57 Minuten. Die erste als reiner Horrorfilm angelegte Folge der Serie. Regisseur Dan Trachtenberg drehte auch 10 Cloverfield Lane und Prey. Episodenguide.
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