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Rammstein: Die Band, die man nicht mehr unschuldig hören kann

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Es gibt keinen Weg, über Rammstein zu schreiben, ohne bei der Frage anzukommen, die seit 2023 über allem steht. Also fangen wir dort an — und kommen dann zu der Frage, die vielleicht die wichtigere ist.

Im Mai 2023 erhob die Nordirin Shelby Lynn nach einem Konzert in Vilnius Vorwürfe gegen Sänger Till Lindemann. Kurz darauf beschrieb die YouTuberin Kayla Shyx ein System, das als „Row Zero“ bekannt wurde: junge Fans, ausgewählt für die erste Reihe und für Aftershow-Partys. Die Staatsanwaltschaft Berlin leitete im Juni 2023 ein Ermittlungsverfahren wegen Sexualdelikten und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ein.

Am 29. August 2023 wurde das Verfahren eingestellt — wegen nicht hinreichenden Tatverdachts. Die litauischen Behörden hatten zuvor bereits abgelehnt, ein Verfahren zu eröffnen. Auch das Verfahren gegen die Tourmanagerin wurde eingestellt. Ein Gericht untersagte einem Recherchebund, den Verdacht strafrechtlich relevanten Verhaltens zu erwecken, weil es an belastbaren Beweistatsachen fehle.

Das ist die juristische Lage: keine Anklage, keine Verurteilung, Unschuldsvermutung.

Und die gesellschaftliche? Ein eingestelltes Verfahren räumt keine Debatte ab. Die Frage nach dem Machtgefälle zwischen einer Weltband und ihren jungen Fans ist damit nicht beantwortet. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch beendete die Zusammenarbeit mit Lindemann. Zehntausende unterschrieben Petitionen. Und gleichzeitig kletterten Rammsteins Alben in den Charts nach oben — der Skandal verkaufte Platten.

Man kann Rammstein nicht mehr unschuldig hören. Das ist kein Urteil. Das ist eine Beschreibung.

Aber wer die Band von Anfang an begleitet hat, wird sagen: Der eigentliche Bruch fand woanders statt. Und viel früher. Dazu später mehr.

First Arsch: Die Erste Autonome Randalierer Schwerins

Rammstein beginnt nicht 1994. Es beginnt 1986, in Schwerin, mit einer Punkband namens First Arsch — die Kurzform für „Erste Autonome Randalierer Schwerins“. Till Lindemann saß dort am Schlagzeug.

Das ist mehr als eine Fußnote. Es erklärt die DNA. First Arsch war Fun-Punk in der untergehenden DDR — respektlos, laut, ohne jeden Anspruch auf Bedeutung. Und in dieser Szene liefen alle Fäden zusammen, aus denen später Rammstein wurde: Richard Kruspe stieg als Gitarrist bei First Arsch ein. Paul Landers half aus, weil die Band zunächst keinen festen Gitarristen hatte. 1992 erschien das Album Saddle Up, auf dem neben Lindemann bereits Kruspe und Landers mitwirkten.

Die übrigen späteren Rammstein-Mitglieder kamen aus den legendären DDR-Punk- und Rockbands Feeling B und Die Firma. Die Rammstein-Ursuppe hatte sich also bereits vor dem Mauerfall gebildet.

Diese Herkunft ist entscheidend. Rammstein ist keine Retortenband, die eine Marktlücke bediente. Es ist ein Kollektiv aus Ostpunks, die einen Staat verschwinden sahen und dann in ein Land geworfen wurden, das nicht wusste, wohin mit ihnen. Die Wut ist echt. Der Bruch mit den großen Erzählungen ist echt. Beides hört man auf den ersten Alben.

Der Dichtersohn

Ein zweiter biografischer Schlüssel: Till Lindemann ist Sohn des DDR-Kinderbuchautors und Lyrikers Werner Lindemann. Seine Mutter war Kulturjournalistin. Er wuchs mit Büchern auf, schrieb nach eigenen Angaben mit neun Jahren erste Verse, las früh Märchen aus aller Welt — und später Bukowski.

Das ist keine Nebensache, sondern die Erklärung für Rammsteins Textprinzip. Lindemann bedient sich der Chiffrenlyrik: bewusst mehrdeutige Texte, bei denen offenbleibt, ob eine Aussage propagiert, ironisiert oder nur geschildert wird. Bestrafe mich etwa lässt bewusst offen, ob es um sexuelle Unterwerfung geht oder um die Machtlosigkeit des Menschen vor Gott.

Diese Doppelbödigkeit ist Rammsteins schärfste Waffe — und ihre größte Angriffsfläche. Wer sie ernst nimmt, findet Kunst. Wer sie nicht ernst nimmt, findet Provokation um ihrer selbst willen.

Und irgendwann, so die These, wurde aus dem einen das andere.

Die Faschismus-Frage

Von Anfang an begleitete Rammstein derselbe Vorwurf: Sie bedienen faschistische Ästhetik.

Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Band arbeitet mit Uniformen, Feuer, Massenchoreografie, mit einer Bildsprache, die an Leni Riefenstahl erinnert — und sie hat 1998 im Video zu Stripped tatsächlich Material aus Riefenstahls Olympia-Film verwendet.

Die Verteidigung ist dieselbe, die Laibach anbietet: Wir zeigen die Verführung, wir feiern sie nicht.

2001 antworteten sie explizit. Links 2 3 4 ist die Absage an den Nazi-Vorwurf — in einem Marschrhythmus, der genau das zitiert, was er zurückweist. Das Herz schlägt links. Das ist die Rammstein-Methode: die Antwort in der Sprache des Vorwurfs.

Doch da liegt der Unterschied zu Laibach. Laibach hat ein Manifest, ein Kollektiv, eine ausformulierte Kunsttheorie der Überidentifikation. Rammstein hat eine Stadionshow. Sie behaupten Ironie, aber sie erklären sie nie. Und ein Stadion mit achtzigtausend Menschen ist kein Ort für differenzierte Lektüre.

Was passiert mit einer Provokation, die zu erfolgreich wird?

Deutschland (2019): Das Meisterwerk der Ambivalenz

Wenn ein Song Rammsteins ganzes Projekt enthält, dann dieser.

Deutschland ist ein neunminütiger Kurzfilm durch die deutsche Geschichte: Germanen, Mittelalter, Hexenverbrennung, Weimar, Drittes Reich, RAF, DDR, Gegenwart. Er zeigt Bandmitglieder als KZ-Häftlinge am Galgen — ein Bild, das schon vor Veröffentlichung einen Sturm auslöste.

Und der Text formuliert präziser als fast alles im deutschen Pop, was deutsche Identität nach 1945 bedeutet: Man kann dieses Land nicht lieben, ohne es zu verdammen. Man kann es nicht verdammen, ohne dazuzugehören. Überlegen, überflüssig.

Das ist keine Nazi-Ästhetik. Das ist die Beschreibung eines Traumas.

Aber es funktioniert auch als reines Spektakel. Rammstein liefert immer beides: die Analyse und den Rausch — und kontrolliert nicht, was das Publikum daraus macht.

Der eigentliche Bruch

Und hier kommt die These, die für viele langjährige Hörer schwerer wiegt als der Skandal von 2023.

Wer 1994 dabei war, wer Herzeleid (1995) und Sehnsucht (1997) gehört hat, als sie neu waren, kennt eine Band, die etwas zu sagen hatte. Diese frühen Alben sind roh, wütend, ernst. Die Provokation war ein Mittel — sie diente einem Zweck. Da war eine Verzweiflung, eine Wut auf die Verhältnisse, ein echter Abgrund. Man konnte Lindemann glauben.

Was danach kam, und besonders was in seiner Solo-Karriere unter dem Namen Lindemann erschien, ist eine andere Geschichte. Texte wie „Fick fick fick Mathematik“ haben keinen Abgrund mehr. Sie haben nur noch die Geste des Abgrunds. Das ist Provokation, die nichts mehr will außer Aufmerksamkeit — kein Anspruch, keine Doppelbödigkeit, keine Chiffre. Nur das Schockmoment, das sich in Klickzahlen umrechnen lässt.

An dieser Stelle hört Kunst auf. Nicht weil sie obszön wird — Rammstein war immer obszön. Sondern weil die Obszönität keinen Gegenstand mehr hat. Der Dichtersohn, der mit Chiffrenlyrik arbeitete, der bewusst offenließ, ob er Gott meint oder das Fleisch, ist irgendwann durch einen Mann ersetzt worden, der einfach nur noch das Reizwort setzt und schaut, wer aufspringt.

Der Skandal von 2023 hat viele überrascht. Für andere war das die geringere Überraschung. Dass es in einer Rockband Groupies gibt, dass hinter der Bühne Dinge geschehen, die man nicht gutheißen muss, aber auch nicht neu erfinden musste — das ist die vielleicht ernüchterndste Erkenntnis: Es war die Geschichte des Rock’n’Roll, seit es ihn gibt.

Der Verrat, wenn man ihn so nennen will, fand vorher statt. Am Schreibtisch. In dem Moment, in dem der Text aufhörte, etwas zu bedeuten.

Warum Rammstein auf dystopien.de gehört

Weil sie die deutscheste aller Fragen gestellt haben: Wie geht man mit einer Ästhetik der Macht um, die man geerbt hat?

Rammstein arbeitet mit Feuer, Uniformen, Massen und Marsch — mit genau dem Vokabular, das dieses Land historisch missbraucht hat. Sie tun das, weil Verdrängung nicht funktioniert. Weil man die Verführung zeigen muss, um sie zu verstehen. Weil das Publikum spüren soll, wie es sich anfühlt, im Gleichschritt mitzugehen — und dann selbst entscheiden muss.

Das ist eine dystopische Grundhaltung: die Weigerung, zu beruhigen.

Aber der Fall Rammstein zeigt auch die Grenze dieser Haltung. Eine Kunst, die alles offenlässt, verliert irgendwann die Kontrolle darüber, was sie ist. Wenn niemand mehr weiß — nicht einmal der Künstler selbst —, ob die Provokation noch etwas meint oder nur noch funktioniert, dann ist die Chiffre leer.

Und was bleibt, ist der Reiz. Der Effekt. Die Zahl.

Genau darüber schreiben Dystopien: über Systeme, in denen der Reiz die Bedeutung ersetzt hat und niemand mehr merkt, wann der Umschlag passiert ist.

Rammstein hat ihn selbst nicht bemerkt.

Rammstein. Gegründet 1994 in Berlin, mit Wurzeln in der DDR-Punkszene (First Arsch, Feeling B, Die Firma). Besetzung: Till Lindemann, Richard Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Christoph Schneider, Christian „Flake“ Lorenz. Schlüsselalben: Herzeleid (1995), Sehnsucht (1997), Mutter (2001), Reise, Reise (2004), Liebe ist für alle da (2009), Rammstein (2019), Zeit (2022). Ermittlungsverfahren gegen Till Lindemann im August 2023 wegen nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt; es gilt die Unschuldsvermutung.

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