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Es gibt eine Frage, an der sich seit über vierzig Jahren die Geister scheiden: Ist Laibach eine faschistische Band — oder die schärfste Anti-Faschismus-Maschine, die die Musikgeschichte je hervorgebracht hat? Die Band selbst beantwortet diese Frage nie. Das ist kein Versäumnis. Das ist die Methode.
Laibach trägt Uniformen. Laibach verwendet Symbole, die an Totalitarismus erinnern. Laibach singt mit der Stimme der Macht — befehlend, monumental, kalt. Und genau dadurch zwingt Laibach den Zuhörer zu einer Entscheidung, die er normalerweise nicht treffen muss: Erkenne ich die Mechanik der Verführung, wenn ich sie höre? Oder falle ich darauf herein?
2012 trafen Laibach auf den perfekten Partner für diese Methode: Iron Sky — eine finnische Sci-Fi-Komödie über Nazis, die sich seit 1945 auf der dunklen Seite des Mondes verstecken und zurückkehren, um die Erde zu erobern. Absurder geht es kaum. Und genau deshalb passte es perfekt.

Laibach: Die Band, die keine Band sein will
Laibach wurde am 1. Juni 1980 in Trbovlje gegründet — einer Bergarbeiterstadt im damaligen Jugoslawien. Der Name ist bereits Programm: Laibach ist der deutsche Name der slowenischen Hauptstadt Ljubljana — und damit eine direkte Anspielung auf die nationalsozialistische Besatzung Sloweniens im Zweiten Weltkrieg. Eine slowenische Band, die sich den deutschen Besatzernamen ihrer eigenen Hauptstadt gibt — das war von der ersten Sekunde an Provokation.
1984 gründete Laibach gemeinsam mit der Malergruppe IRWIN und einer Theatergruppe das Kunstkollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK) — ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk, das bis heute existiert und sogar eigene Pässe ausgibt. Das Prinzip von Laibach innerhalb dieses Kollektivs: Das Individuum spricht nicht. Die Organisation spricht. Die Bandmitglieder treten anonym auf, bleiben in ihrer Rolle, beantworten Interviews mit kryptischen Manifesten.
Ihre künstlerische Strategie hat einen Namen: Überidentifikation. Laibach nimmt die Symbole und die Sprache der Macht — egal ob Kommunismus oder Kapitalismus oder Faschismus — und nimmt sie ernster, als das System sich selbst nimmt. Sie spielen die Rolle des totalitären Staates so perfekt, dass die Absurdität dahinter sichtbar wird. Es ist ein Spiegel, kein Bekenntnis.
Ein Detail, das die Konsequenz dieser Haltung zeigt: 2015 war Laibach die erste westliche Band, die in Nordkorea auftrat. Eine Band, die mit totalitärer Ästhetik spielt, im letzten echten totalitären Staat der Welt. Niemand sonst hätte diese Einladung bekommen — und niemand sonst hätte sie angenommen.

Das Prinzip: Den Teufel singen lassen, damit man ihn erkennt
Slavoj Žižek, der slowenische Philosoph und wohl bekannteste Fürsprecher der Band, hat Laibachs Methode auf den Punkt gebracht: Laibach frustriert das System nicht, indem es von außen dagegen spricht, sondern indem es die Maske perfekt trägt, bis das System sich in der Maske erkennt.
Das ist anspruchsvoll — und gefährlich. Wer Laibach oberflächlich hört, kann sie für das halten, was sie darstellen. Genau das ist das Risiko, das die Band bewusst eingeht. Sie vertraut darauf, dass der aufmerksame Hörer die Ironie erkennt, die Kritik, die Demontage. Und sie weigert sich, diese Lesart vorzukauen. Wer den Spiegel nicht erkennt, hat im Zweifel ein Problem mit sich selbst — nicht mit Laibach.
Das verbindet Laibach mit der dystopischen Grundfrage von dystopien.de: Erkennst du die Mechanik der Macht, wenn du ihr begegnest? Oder marschierst du mit?
Iron Sky: Die Mondnazis und ihre Hymne
Iron Sky, erschienen 2012, ist auf den ersten Blick eine alberne Prämisse: Mondnazis. Im April 1945, in den letzten Momenten des Krieges, fliehen deutsche Nazis von der Antarktis auf die Rückseite des Mondes, bauen dort eine riesige Festung und warten siebzig Jahre lang auf den richtigen Moment zur Rückkehr.
Der finnische Regisseur Timo Vuorensola hat den Film mit über einer Million Dollar Crowdfunding finanziert — eine der ersten großen Crowdfunding-Erfolgsgeschichten des Kinos. Und er hatte von Anfang an eine klare Vorstellung von der Musik. Vuorensola erzählte später, die Idee zu einem Film über Mondnazis sei in einer Sauna entstanden — und seine erste, nicht verhandelbare Forderung sei gewesen: Wenn wir das machen, will ich Laibach für die Musik.
Das war kein Zufall. Wer einen satirischen Film über Faschismus macht, braucht eine Musik, die Faschismus darstellen kann, ohne ihn zu verherrlichen. Es gibt nur eine Band auf der Welt, die das beherrscht.


Artist Playlist
Wagner auf dem Mond: Der Soundtrack als Doppelkritik
Laibach baute den Iron-Sky-Soundtrack größtenteils auf Richard Wagner auf — dem Komponisten, dessen Musik wie keine andere mit deutschem Nationalismus und dem Größenwahn des Dritten Reichs verbunden ist. Der Walkürenritt, Tristan und Isolde — diese monumentalen Wagner-Motive werden zur Begleitung der Mondnazi-Invasion.
Das ist Doppelkritik auf engstem Raum. Laibach nimmt Wagner — die Musik, die der Faschismus für sich vereinnahmt hat — und gibt sie einer absurden Filmsatire über genau diesen Faschismus. Die Mondnazi-Hymne Kameraden, wir kehren heim! ist eine Neudichtung von Die Wacht am Rhein, einem deutschnationalen Lied des 19. Jahrhunderts. Schicht für Schicht legt Laibach die musikalischen Bausteine des Nationalismus frei — und macht sie lächerlich, indem es sie vollkommen ernst nimmt.
Das Hollywood-Reporter-Urteil über den Film hob ausgerechnet die Musik hervor: Laibachs Score gebe dem Film Charakter, eine Mischung aus Pastiche-Pop und symphonischen Elementen. Der Soundtrack ist, in vielen Augen, besser als der Film selbst.
2019 folgte die Fortsetzung Iron Sky: The Coming Race — wieder mit Laibach-Soundtrack, diesmal mit einer Geschichte, die noch tiefer ins Absurde greift: eine reptiloide Echsen-Rasse im Erdinneren, angeführt von einem wiederauferstandenen Hitler auf einem Dinosaurier. Die Verschwörungstheorie als Komödie. Auch hier liefert Laibach den passenden Klang: monumentale Ernsthaftigkeit für vollkommenen Unsinn — was die Verschwörungstheorien, die der Film parodiert, präzise entlarvt.
Warum Laibach und Iron Sky auf dystopien.de gehören
Die Verbindung von Laibach und Iron Sky ist mehr als ein Soundtrack-Auftrag. Sie ist die Begegnung zweier Werke, die dasselbe Ziel verfolgen: Faschismus durch Übertreibung sichtbar machen.
Iron Sky nimmt die Mondnazi-Verschwörungstheorie — die es tatsächlich gibt — und treibt sie so weit ins Absurde, dass ihre Lächerlichkeit offensichtlich wird. Laibach nimmt die musikalische Sprache der Macht und treibt sie so weit, dass ihre Mechanik offensichtlich wird. Beide arbeiten mit demselben Werkzeug: der Überidentifikation, die durch Perfektion entlarvt.
Das ist eine riskante Strategie. Sie funktioniert nur bei einem Publikum, das mitdenkt — das die Ironie erkennt, statt sie für bare Münze zu nehmen. Genau diese Wette macht Laibach seit über vierzig Jahren. Und Alexei Monroe, einer der wichtigsten NSK-Forscher, hat das eigentliche Ziel des Kollektivs einmal so formuliert: Den Menschen bewusst zu machen, dass Totalitarismus kein abgeschlossenes historisches Phänomen ist, das 1989 endete und dann dem schönen Triumph der liberalen Demokratie wich.
Diese Botschaft ist heute aktueller als 2012. Und sie klingt, bei Laibach, wie ein Befehl, den man besser nicht befolgt — sondern versteht.
Laibach: Iron Sky (Original Film Soundtrack). Erschienen 2012. Label: Mute. Basierend auf und inspiriert von Richard Wagner. Film: Iron Sky, Regie Timo Vuorensola, Finnland/Deutschland/Australien 2012. Fortsetzung: Iron Sky — The Coming Race (2019), ebenfalls mit Laibach-Soundtrack. Laibach gegründet 1980 in Trbovlje, musikalischer Teil des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK).
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