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… und den alle bekamen.
Es gibt Soundtracks, die aus Liebe entstehen, und es gibt einen, der aus einem Streit entstand, der bis heute nicht ganz beigelegt ist. 1984 (For the Love of Big Brother), das Album, das die Eurythmics 1984 zu Michael Radfords Orwell-Verfilmung aufnahmen, ist ein Werk voller Widersprüche: kommerziell erfolgreich und künstlerisch verstoßen, vom Regisseur öffentlich verdammt und doch untrennbar mit seinem Film verbunden. Es ist die Geschichte eines Soundtracks, den eigentlich niemand haben wollte und den am Ende alle bekamen.
Und über all diesen Zwistigkeiten steht ein Werk, das weit besser ist, als seine Entstehungsgeschichte vermuten lässt. Die Eurythmics, das Duo aus Annie Lennox und Dave Stewart, tauchten für dieses Album tief in Orwells Albtraum ein und schufen einen Klang, der klingt, als sende er aus dem Inneren des Wahrheitsministeriums.

Annie Lennox und Dave Stewart: Auf dem Höhepunkt
1984 waren die Eurythmics auf dem Gipfel ihres Erfolgs. Nach Sweet Dreams (Are Made of This) und Touch gehörten Annie Lennox und Dave Stewart zu den größten Pop-Acts der Welt: Pioniere eines Synth-Pop, der elektronische Kälte mit Lennox‘ gewaltiger, seelenvoller Stimme verband. Lennox, mit ihrem androgynen Auftreten, dem orangefarbenen Bürstenschnitt, der Bühnenpräsenz, war eine der ikonischsten Erscheinungen der achtziger Jahre. Stewart war der Klangarchitekt, der Produzent, der Tüftler.
Als Richard Branson, der Chef von Virgin Records, im Sommer 1984 einen Soundtrack für die Orwell-Verfilmung suchte, waren die Eurythmics für ihn die perfekte Wahl: ein zugkräftiger Name, der einen Hit garantieren und dem Film weltweite Aufmerksamkeit sichern würde. Ein kluger geschäftlicher Gedanke. Nur hatte er einen Haken. Und der Haken hieß Michael Radford.
Der Streit: „Foisted upon me“
Hier liegt die pikante Wahrheit hinter dem Album. Regisseur Michael Radford wollte die Eurythmics gar nicht. Er hatte längst einen eigenen, klassisch-orchestralen Score beim Komponisten Dominic Muldowney in Auftrag gegeben und war von der Idee einer Pop-Vertonung seines ernsten, kargen Films nicht angetan.
Doch Branson, besorgt über die steigenden Kosten der Produktion und auf einen Hit für sein Label erpicht, setzte die Eurythmics gegen den Willen des Regisseurs durch. Virgin hatte finanziellen Einfluss auf den Film, und dieser Einfluss entschied. Das Ergebnis war, dass zwei Fassungen des Films existieren: eine mit der Musik der Eurythmics, und Radfords „Director’s Cut“, der ihre Stücke weitgehend durch Muldowneys Orchesterscore ersetzt.
Radford machte aus seinem Ärger kein Geheimnis. Als er für den Film einen Preis entgegennahm, beklagte er öffentlich, die Musik der Eurythmics sei ihm aufgezwungen worden. Im englischen Original benutzte er das Wort „foisted“, aufgehalst. Die Eurythmics reagierten mit einer eigenen Stellungnahme: Sie hätten den Auftrag von Virgin in gutem Glauben angenommen und ihn niemals übernommen, wenn sie gewusst hätten, dass er nicht die Zustimmung des Regisseurs hatte. Beide Seiten fühlten sich im Recht. Und, wie einer der Beteiligten später trocken bemerkte: Am Ende bekam niemand ganz das, was er wollte.
Die Musik: Kraftwerk trifft Stammestrommeln
Was in diesem Konflikt fast unterging, ist die Qualität des Albums selbst. 1984 (For the Love of Big Brother) ist kein gefälliger Pop-Soundtrack, der dem Film aufgesetzt wurde. Es ist ein experimentelles, überwiegend instrumentales Werk, das aus den musikalischen Zwischenspielen entstand, die Lennox und Stewart für den Film komponierten.
Stewart beschrieb den Klang mit einer denkwürdigen Formel: „Kraftwerk trifft afrikanische Stammesmusik trifft Booker T. & the M.G.’s.“ Das trifft es überraschend gut. Die Platte verbindet die kühle elektronische Strenge des deutschen Synthesizer-Pioniere mit hypnotischen, perkussiven Rhythmen und einer düsteren Seele. Es ist elektronisch, aber nicht glatt; tanzbar, aber beklemmend. Tracks wie Winston’s Diary, Ministry of Love und Room 101 tragen die Namen aus Orwells Welt und übersetzen sie in Klang. Die Titel sind direkt dem Roman entnommen.
Der Vergleich zu Kraftwerk ist kein Zufall. Wie jene Band, über deren Einfluss wir hier schon geschrieben haben, nutzen die Eurythmics die Maschine, um das Entmenschlichte hörbar zu machen: den kalten, mechanischen Puls einer Welt, in der der Mensch zum überwachten Objekt geworden ist.
Sexcrime: Der Hit aus dem Ministerium
Das Herzstück des Albums, und sein größter Erfolg, ist Sexcrime (Nineteen Eighty-Four). Der Titel ist Neusprech. Orwells Kunstsprache, in der „Sexcrime“ das Verbrechen bezeichnet, verbotene körperliche Liebe zu empfinden, wie Winston und Julia sie im Roman begehen. Aus diesem Begriff der Unterdrückung machten die Eurythmics einen der packendsten Popsongs ihrer Karriere.
Sexcrime reißt einen wach. Der Beat schnappt zu, die Synthesizer stechen, und Lennox‘ Stimme kommt scharf und dringlich, als sende sie aus dem Inneren von Orwells Albtraum. Es ist ein Song, der einen das Gefühl gibt, beobachtet zu werden, selbst wenn man allein ist: angespannt, futuristisch und dabei seltsam tanzbar. Der Track wurde in weiten Teilen der Welt ein Top-10-Hit, in Großbritannien der sechste Nummer-10-Erfolg der Eurythmics in Folge.
Ausgerechnet in den USA aber wurde Sexcrime zum Problem: Manche amerikanische Radiosender weigerten sich, ein Lied zu spielen, in dessen Titel das Wort „Sex“ stand. Sie verstanden die orwellsche Ironie nicht oder wollten sie nicht verstehen und hörten nur das anstößige Wort. Eine bittere Pointe: Ein Song über einen Staat, der Sprache verbietet und umdeutet, wurde selbst Opfer einer Sprachzensur. Orwell hätte die Ironie zu schätzen gewusst.
Die zweite Single, die sanfte Ballade Julia (benannt nach Winstons Geliebter), hatte weniger Glück und beendete die Serie der Top-10-Hits. Aber Sexcrime blieb: eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ein dystopischer Roman einen echten Chart-Hit hervorbrachte.
Warum das Album auf dystopien.de gehört
Weil es ein seltenes Beispiel dafür ist, wie ein dystopischer Stoff in die Popkultur der Gegenwart einsickert. Nicht als Randnotiz, sondern als Chart-Erfolg, den Millionen Menschen hörten, viele davon ohne den Roman je gelesen zu haben. Die Eurythmics trugen Orwells Vokabular (Sexcrime, Doubleplusgood, Big Brother) in die Charts und die Diskotheken der achtziger Jahre. Sie machten aus der Sprache der Unterdrückung Popmusik, und darin liegt eine eigene, doppelbödige Kraft.
Und weil das Album, bei aller Streitgeschichte, ein eigenständiges dystopisches Werk ist. Man muss den Film nicht kennen, um es zu hören. Es funktioniert als Klanglandschaft der Überwachung, als musikalische Übersetzung von Orwells kalter Welt: elektronisch, beklemmend, schön und unheimlich zugleich. Dass Radford es nicht wollte, ändert nichts daran. Manchmal entsteht Kunst gegen den Willen ihrer Beteiligten.
Es bleibt der ironische Kern dieser Geschichte: Ein Album über einen totalitären Staat, der die Kunst kontrolliert und den Menschen ihren Willen aufzwingt, entstand selbst aus einem Akt der geschäftlichen Übermacht. Virgin zwang dem Regisseur eine Musik auf, die er nicht wollte. Die Entstehung des Werks spiegelte sein Thema. In einem Film über Big Brother bestimmte am Ende das Kapital, was gespielt wird.
Und vielleicht ist das die orwellste Pointe von allen.
Eurythmics: 1984 (For the Love of Big Brother). Erschienen 12. November 1984. Label: Virgin (UK) / RCA (USA). Produziert von David A. Stewart. Neun Stücke, überwiegend instrumental. Singles: „Sexcrime (Nineteen Eighty-Four)“ (1984) und „Julia“ (1985). Komponiert als Soundtrack zu Michael Radfords Film „Nineteen Eighty-Four“, gegen den Willen des Regisseurs, der einen eigenen Orchesterscore von Dominic Muldowney bevorzugte.
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