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Kraftwerk: Wir sind die Roboter

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Es gibt eine Band, ohne die dieser ganze Bereich von dystopien.de nicht existieren würde. Nicht weil sie die düsterste wäre, im Gegenteil. Sondern weil sie den Klang erfand, aus dem alles andere entstand. Gary Numan, Anne Clark, die Sisters of Mercy, Nine Inch Nails, VNV Nation, der ganze Kosmos der elektronischen und dunklen Musik, über den wir hier schreiben, führt in seiner Ahnenlinie zu vier Männern aus Düsseldorf zurück. Zu Kraftwerk.

Kraftwerk hat die elektronische Popmusik nicht nur mitbegründet, die Band hat sie im Grunde erfunden. Und sie tat es mit einer Idee, die bis heute nachhallt und die zutiefst zum Thema dieser Seite gehört. Der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Kraftwerk sang nicht über Liebe, über Rebellion, über das Ich. Kraftwerk sang über Autobahnen, über Roboter, über Computer, über die Auflösung des Menschen in der Technik. Und die Musiker inszenierten sich selbst als das, was sie besangen. Als Maschinen.

Von der Querflöte zum Vocoder

Kraftwerk entstand aus der westdeutschen Nachkriegsgeneration, die eine neue kulturelle Identität suchte, jenseits der angloamerikanischen Rocktradition. Ralf Hütter und Florian Schneider, die beiden Gründer und der kreative Kern der Band, lernten sich an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf kennen. Sie gründeten ihre Gruppe um 1970, und in den frühen Jahren waren sie noch etwas ganz anderes als das, was sie werden sollten. Auf den ersten Alben spielten sie experimentelle, freie Musik, mit Flöte, Geige, Orgel, Gitarre, verwurzelt in der improvisierten Klangwelt jener Zeit, die man später Krautrock nannte.

Der Wendepunkt kam 1974 mit dem Album Autobahn. Das über zwanzig Minuten lange Titelstück, eine hypnotische Klangfahrt über die deutsche Autobahn, wurde in gekürzter Fassung überraschend zum Hit, sogar in den USA. Amerikanische Hörer verstanden den deutschen Refrain fahr’n, fahr’n, fahr’n zunächst als fun, fun, fun, ein unfreiwilliges Echo der Beach Boys, und gerade diese Verbindung aus deutscher Kühle und amerikanischer Poptradition war Teil des Reizes. Auf Autobahn war zum letzten Mal Schneiders Querflöte zu hören. Danach entschieden Hütter und Schneider, nur noch rein elektronische Musik zu machen. Es war ein Wendepunkt nicht nur ihrer Karriere, sondern der gesamten Popgeschichte.

In ihrem eigenen Studio, dem legendären Kling-Klang-Studio in Düsseldorf, das sie selbst als Instrument betrachteten, bauten und modifizierten sie Synthesizer, Drumcomputer, Sequenzer und Vocoder, teils mit eigenen Händen. Sie hatten das Geld dafür, denn beide stammten aus wohlhabendem Bürgertum, und sie hatten die Vision. Aus diesem Studio kam eine Reihe von Alben, die die Musik veränderten. Radio-Aktivität, Trans Europa Express, Die Mensch-Maschine, Computerwelt.

Die Mensch-Maschine

Das Album, das Kraftwerks Konzept am klarsten auf den Punkt bringt, erschien 1978 und trägt einen programmatischen Titel. Die Mensch-Maschine. Es enthält die kühl und majestätisch tackernden Elektrostücke, für die die Band berühmt wurde, darunter Das Model, das Jahre später in Großbritannien sogar auf Platz eins der Charts landete, und Die Roboter, in dem Hütters vocoderverzerrte Stimme den Satz verkündet, der zum Motto der Band wurde. Wir sind die Roboter.

Das war keine Warnung im Ton der klassischen Dystopie. Es war eine Feststellung, kühl, ironisch, ambivalent. Kraftwerk stellte den Menschen nicht als Opfer der Maschine dar, sondern verschmolz beide zu einer neuen Einheit. Für Kraftwerk waren Mensch und Maschine keine Gegner, sondern standen in einem ständigen Dialog. Die Band trieb diese Idee bis in die Selbstinszenierung. Bei ihren Auftritten ersetzten sich die Musiker mehr und mehr durch lebensgroße Roboterpuppen, die ihre Bewegungen nachahmten. Vier Menschen, die auf der Bühne zu Maschinen wurden, oder Maschinen, die vorgaben, Menschen zu sein. Die Grenze verschwamm mit Absicht.

Diese Bilder wurden ikonisch. Die roten Hemden und schwarzen Krawatten, die roboterhaften Gesten, die vollkommene Gleichförmigkeit der vier Gestalten, all das drückte eine Ästhetik aus, in der das Individuum sich freiwillig im technischen Kollektiv auflöst. Es ist kein Zufall, dass diese Bildsprache an die kühle Monumentalität der Moderne erinnert, an Bauhaus und industrielle Formgebung. Kraftwerk schuf ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Grafik und Auftritt.

Computerwelt: Die Vorhersage, die eintrat

1981 erschien ein Album, das im Rückblick geradezu prophetisch wirkt. Computerwelt. Kraftwerk besang darin eine Welt, in der Computer alles durchdringen, in der Daten über Menschen gesammelt und verwaltet werden, in der Behörden, Polizei und Wirtschaft durch Rechner miteinander verbunden sind. Das Titelstück nennt konkret die Institutionen, die ihre Daten abgleichen, und beschreibt damit eine Vernetzung, die 1981 noch Zukunftsmusik war und heute selbstverständliche Wirklichkeit ist.

Hier kippt Kraftwerks kühle Technikfaszination in etwas Unheimliches. Denn was die Band 1981 mit fast kindlicher Begeisterung besang, den Computer als allgegenwärtiges Werkzeug, ist längst zur Grundlage des Überwachungskapitalismus geworden. Die Computerwelt, die Kraftwerk beschrieb, ist die Welt, in der wir leben. Datensammlung, digitale Verwaltung des Menschen, das Individuum als Datensatz. Was bei Kraftwerk noch spielerisch und begeistert klang, lesen wir heute mit dem Wissen um seine dystopischen Folgen.

Kraftwerk besang die Computerwelt als Faszination. Wir leben in ihr als Konsequenz. Die Band sah die Zukunft kommen und begrüßte sie. Ob wir sie ebenso begrüßen sollten, ist die Frage, die bleibt.

Warum Kraftwerk auf dystopien.de gehört

Und hier gehört die ehrliche Einordnung her, denn Kraftwerk ist ein Grenzfall. Die Band machte keine Dystopien im engeren Sinn. Ihre Musik ist nicht düster, nicht anklagend, nicht warnend. Sie ist kühl, elegant, oft geradezu heiter in ihrer Technikbegeisterung. Kraftwerk feierte die Maschine, die Autobahn, den Roboter, den Computer. Wer eine klare Botschaft sucht, eine Warnung wie bei Orwell oder eine Anklage wie bei Nine Inch Nails, wird sie bei Kraftwerk nicht finden.

Aber gerade diese Ambivalenz ist der Grund, warum Kraftwerk auf dystopien.de gehört. Die Band stellte die entscheidende Frage des technischen Zeitalters, ohne sie zu beantworten. Was geschieht mit dem Menschen, wenn er mit der Maschine verschmilzt? Kraftwerk zeigte diese Verschmelzung als etwas Faszinierendes, Schönes, Zukunftsweisendes. Und ließ offen, ob es auch etwas Verlorenes ist. Die vier Männer, die sich auf der Bühne durch Roboter ersetzen, sind ein Bild, das man als Utopie oder als Dystopie lesen kann. Die Selbstauflösung des Menschen in der Technik, freiwillig, lächelnd, in roten Hemden.

Und Kraftwerk ist die Wurzel. Ohne ihre kühlen Synthesizer, ihre maschinellen Rhythmen, ihre Mensch-Maschine-Ästhetik gäbe es die dunkle elektronische Musik nicht, die den Kern dieses Kosmos bildet. Gary Numan hat es offen gesagt, dass Kraftwerk ihn prägte. Anne Clark, die Sisters of Mercy, Depeche Mode, die frühe Detroit-Techno-Szene, sie alle schöpften aus Düsseldorf. Kraftwerk nahm die Kälte der Maschine und machte sie zur Musik, und alle, die danach kamen, arbeiteten mit dem, was Kraftwerk erfunden hatte, ob sie es utopisch oder dystopisch wendeten.

Florian Schneider, der die Band 2008 verlassen hatte, starb 2020. Ralf Hütter führt Kraftwerk bis heute weiter, auf Welttourneen, auf denen die Band ihre alten Visionen in einer Gegenwart aufführt, die vieles von dem eingelöst hat, was sie besang. Wenn heute eine Roboterstimme das Publikum begrüßt und vier Gestalten in Neon-Anzügen die Bühne betreten, dann ist das kein futuristisches Spektakel mehr. Es ist die Beschreibung unserer eigenen Welt, geschrieben vor einem halben Jahrhundert, von einer Band, die den Menschen zur Maschine erklärte, lange bevor die Digitalisierung das mit uns allen tat.

Wir sind die Roboter, sang Kraftwerk 1978. Damals war es Kunst. Heute ist es aktueller als jemals zuvor..

Kraftwerk. Gegründet um 1970 in Düsseldorf von Ralf Hütter und Florian Schneider. Klassische Besetzung mit Wolfgang Flür und Karl Bartos. Schlüsselalben: Autobahn (1974), Radio-Activity (1975), Trans Europa Express (1977), Die Mensch-Maschine (1978), Computer World (1981). Eigenes Kling-Klang-Studio in Düsseldorf. Florian Schneider verließ die Band 2008 und starb 2020. Weltweit einflussreichste deutsche Band der Popgeschichte.

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