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Blackout: Zwei Wochen bis zum Zusammenbruch

dystopien.de · Literatur · Technik-Thriller · Infrastruktur · Zivilisationskollaps · Marc Elsberg

Man drückt auf einen Lichtschalter, und es wird hell. Man dreht den Hahn auf, und Wasser kommt. Der Kühlschrank summt, das Handy lädt, der Geldautomat zahlt aus. Kein Mensch denkt darüber nach. Genau das ist der Ausgangspunkt von Marc Elsbergs Blackout, erschienen 2012. Der Roman stellt eine einzige Frage und verfolgt sie mit erbarmungsloser Konsequenz bis zum Ende. Was passiert, wenn der Strom nicht wiederkommt?

Nicht für eine Stunde. Nicht für einen Tag. Sondern für Wochen, in ganz Europa, gleichzeitig. Elsberg rechnet dieses Szenario durch, Schritt für Schritt, Tag für Tag, und was dabei herauskommt, ist eine der beklemmendsten deutschsprachigen Dystopien der Gegenwart. Denn Blackout erfindet keine ferne Schreckenswelt. Es zeigt, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, auf der wir alle stehen, und wie schnell sie reißt.

Marc Elsberg: Der Stratege als Thriller-Autor

Marc Elsberg, geboren 1967 in Wien, kam über einen ungewöhnlichen Weg zum Schreiben. Er arbeitete als Strategieberater und Kreativdirektor in der Werbung, in Wien und Hamburg, und schrieb Kolumnen für die österreichische Tageszeitung Der Standard. Diese Herkunft prägt seine Bücher. Elsberg denkt in Systemen, in Abläufen, in Wenn-dann-Ketten. Er interessiert sich nicht für das Übernatürliche, sondern für das Machbare, für die Bruchstellen der realen, hochtechnisierten Welt.

Mit Blackout gelang ihm 2012 der Durchbruch. Der Roman stand fast zweihundert Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde zum Wissensbuch des Jahres gekürt, eine seltene Ehre für einen Thriller. Seitdem gilt Elsberg als deutschsprachiger Meister eines besonderen Genres, des Technik-Thrillers, der wissenschaftliche Genauigkeit mit erzählerischer Spannung verbindet. Seine späteren Bücher, darunter Zero über die Macht der Algorithmen und Helix über Gentechnik, folgen demselben Prinzip. Nimm eine reale Bedrohung, recherchiere sie bis ins Detail, und erzähle sie als Thriller.

Die Idee zu Blackout kam Elsberg an einer überraschenden Stelle. Er erfuhr, wie elektrische Zahnbürsten produziert werden, bei denen alle Einzelteile just in time angeliefert werden, exakt im richtigen Moment, ohne Lager, ohne Puffer. Ihm wurde klar, wie vollständig vernetzt und wie verletzlich diese Welt ist. Ein kleines Beispiel, das eine große Angst öffnete. Wenn schon eine Zahnbürste an einer lückenlosen Kette hängt, was passiert dann, wenn die Kette reißt?

Die Kettenreaktion

Der Roman beginnt an einem kalten Februartag. In Italien fällt der Strom aus, dann in Schweden, dann breitet sich der Ausfall über den ganzen Kontinent aus. Die europäischen Stromnetze, eng miteinander verbunden, reißen sich gegenseitig in den Abgrund. Der italienische Informatiker und ehemalige Hacker Piero Manzano erkennt als einer der Ersten, dass es kein technischer Defekt ist, sondern ein gezielter Angriff. Jemand hat die Steuerung der Netze manipuliert. Er versucht, die Behörden zu warnen, und gerät dabei selbst unter Verdacht.

Doch der Kriminalfall, die Jagd nach den Tätern, ist nur das Gerüst. Das eigentliche Thema von Blackout ist der Zusammenbruch selbst, die Kettenreaktion, die ein längerer Stromausfall auslöst. Und hier zeigt Elsberg seine Stärke. Er denkt die Folgen konsequent zu Ende, und sie sind erschütternd in ihrer Logik.

Zuerst versagt das Offensichtliche. Kein Licht, keine Heizung, keine Ampeln. Dann das weniger Offensichtliche. Die Tankstellen können ohne Strom kein Benzin pumpen, also stehen bald die Autos still. Die Supermärkte können nicht kassieren und nicht kühlen, die Lebensmittel verderben. Die Geldautomaten funktionieren nicht, das bargeldlose Bezahlen bricht zusammen. Das Wasser, das mit elektrischen Pumpen in die Hochhäuser gedrückt wird, bleibt aus, und mit ihm die Toilettenspülung. Die Kommunikation stirbt, als die Notstromversorgung der Mobilfunkmasten erschöpft ist.

Und dann kommt das Undenkbare. Die Atomkraftwerke brauchen Strom, um ihre Kühlsysteme zu betreiben. Fällt der Strom aus, springen Notstromgeneratoren an, doch deren Treibstoff reicht nur begrenzt. Was geschieht, wenn er verbraucht ist, hatte die Welt ein Jahr vor Erscheinen des Buches in Fukushima gesehen. Diese reale Katastrophe von 2011 lag den Lesern von 2012 noch frisch im Gedächtnis, und sie machte Elsbergs Szenario umso glaubwürdiger.

Nichts davon ist Science-Fiction. Alles davon ist die logische Folge des einen Ausfalls, den wir für selbstverständlich halten.

Der Mensch im Dunkeln

Was Blackout über einen reinen Katastrophenbericht hinaushebt, ist der Blick auf die Menschen. Elsberg zeigt, wie sich das soziale Gefüge auflöst, wenn die Grundlagen des Alltags wegbrechen. In den ersten Tagen herrscht noch Solidarität, man hilft sich, man teilt. Doch mit jedem Tag ohne Strom, ohne Nachschub, ohne Information wächst die Angst. Vorräte gehen zur Neige. Krankenhäuser können ihre Patienten nicht mehr versorgen, als die Notstromaggregate verstummen. Die Alten und die Kranken sterben zuerst. Panik breitet sich aus, dann Plünderung, dann Gewalt.

Elsberg zeichnet dabei kein reißerisches Bild vom bösen Menschen, der nur auf den Zusammenbruch der Ordnung wartet. Er zeigt etwas Genaueres und Beunruhigenderes. Ganz normale Menschen, die unter extremem Druck Entscheidungen treffen, die sie nie für möglich gehalten hätten. Die Zivilisation, so die Lehre des Buches, ist keine feste Eigenschaft des Menschen. Sie ist ein Zustand, der von funktionierender Infrastruktur abhängt. Nimm den Strom, und binnen zwei Wochen steht die Frage nicht mehr, wie wir gut leben, sondern nur noch, wer überlebt.

Die ehrliche Einordnung

Blackout ist ein Thriller, und es trägt die Stärken und Schwächen seines Genres. Die Stärke liegt in der Recherche und im Szenario. Elsberg hat mit Fachleuten gesprochen, Studien gewälzt, Abläufe geprüft, und das merkt man auf jeder Seite. Bemerkenswert ist, dass etwa fünfzehn Monate vor Erscheinen des Romans eine reale Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag erschien, die genau dasselbe untersuchte, die Verletzbarkeit moderner Gesellschaften bei einem großflächigen Stromausfall. Elsbergs Fiktion und die amtliche Risikoanalyse kamen zu erschreckend ähnlichen Ergebnissen. Das ist die eigentliche Wucht des Buches. Es ist keine Übertreibung, sondern eine Hochrechnung.

Die Schwächen sind die eines Genre-Thrillers. Die Figuren bleiben oft funktional, mehr Träger der Handlung als lebendige Menschen. Der Stil ist zweckmäßig, schnell, auf Spannung gebaut, nicht auf literarische Feinheit. Mit über achthundert Seiten ist der Roman zudem lang, und manche Handlungsstränge wirken gestreckt. Wer literarische Tiefe sucht, wie sie Marlen Haushofer oder Christa Wolf bieten, wird sie hier nicht finden. Blackout will etwas anderes. Es will aufklären, warnen und dabei fesseln, und das gelingt ihm hervorragend.

Warum Blackout auf Platz 17 unserer Liste steht

Weil es die verletzlichste Stelle unserer Gegenwart trifft und weil es das mit einer Genauigkeit tut, die niemanden kaltlässt. Die klassischen Dystopien warnen vor Diktaturen, Überwachung, Gedankenkontrolle. Blackout warnt vor etwas viel Unmittelbarerem, vor dem Ausfall der Technik, von der unser gesamtes Leben abhängt, ohne dass wir es je bemerken. Es braucht keinen totalitären Staat, um die Zivilisation zusammenbrechen zu lassen. Es genügt, den Strom abzuschalten.

Das macht Blackout zu einer besonders modernen Dystopie. Sie handelt nicht von einem bösen Willen an der Macht, sondern von einer strukturellen Schwäche, die wir selbst geschaffen haben, indem wir alles vernetzten, alles automatisierten, alles voneinander abhängig machten und dabei jede Reserve, jeden Puffer, jede Redundanz wegrationalisierten, im Namen der Effizienz. Die Just-in-time-Welt der elektrischen Zahnbürste ist auch die Just-in-time-Welt der Nahrung, der Medizin, des Wassers. Sie funktioniert perfekt, solange sie funktioniert. Und sie hat keinen Plan B.

In den Jahren seit Erscheinen des Buches ist seine Frage nur dringlicher geworden. Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur, die Belastung der Netze durch die Energiewende, geopolitische Spannungen, all das rückt Elsbergs Szenario näher an die Wirklichkeit. Der Autor selbst warnt davor, das Buch als Prophezeiung eines sicher kommenden Ereignisses zu lesen. Sein Punkt ist ein anderer. Selbst wenn ein solcher Blackout unwahrscheinlich ist, wären seine Folgen so ungeheuer, dass Vorsorge sich lohnt.

Man liest Blackout und drückt danach den Lichtschalter mit einem anderen Gefühl. Es wird hell, und man ist für einen Moment dankbar dafür. Genau das war die Absicht. Ein Buch, das die Selbstverständlichkeit zerstört, mit der wir auf einem Netz aus Kabeln leben, das jederzeit reißen könnte.

Marc Elsberg: Blackout. Morgen ist es zu spät. (Taschenbuch) Erstmals erschienen 2012 im Blanvalet Verlag. Rund 800 Seiten. Wissensbuch des Jahres 2012, fast 200 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Premiumausgabe. 2021 als Serie verfilmt mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Englische Ausgabe 2017.

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