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Der Untergang der Stadt Passau. Es gibt eine Frage, die diesem Roman zugrunde liegt und die ihn von den meisten Endzeitgeschichten unterscheidet. Nicht, wie die Welt untergeht, sondern was danach kommt. Was baut der Mensch auf, wenn fast alles zerstört ist? Carl Amerys Der Untergang der Stadt Passau von 1975 interessiert sich kaum für die Katastrophe selbst. Die Seuche, die fast die gesamte Menschheit dahinrafft, ist schnell erzählt. Was den Roman umtreibt, ist die Zeit danach, der mühsame, konfliktreiche Wiederbeginn der Zivilisation, und die Frage, ob der Mensch aus dem Untergang lernt oder einfach dort weitermacht, wo er aufgehört hat.
Der Roman war der größte schriftstellerische Erfolg seines Autors, und er ist ein früher, eigenwilliger deutscher Beitrag zur postapokalyptischen Literatur. Vor allem aber ist er ein zutiefst bayerisches Buch, angesiedelt in einer sehr konkreten Landschaft, geschrieben in einer sehr konkreten Sprache, und gerade diese Verwurzelung macht ihn so besonders und zugleich so schwer zugänglich.

Carl Amery: Der grüne Katholik
Carl Amery, geboren 1922 als Christian Anton Mayer, gestorben 2005, war eine der markantesten intellektuellen Figuren der westdeutschen Nachkriegszeit. Der Name Amery war ein Pseudonym, ein Anagramm des Familiennamens Mayer. Er war Schriftsteller, Essayist und politischer Denker, ein streitbarer katholischer Intellektueller und zugleich einer der frühesten und wichtigsten Vordenker der deutschen Ökologiebewegung. Amery war Mitbegründer und langjähriges Mitglied der Grünen, ein Mann, der schon in den sechziger und siebziger Jahren über ökologische Zusammenhänge nachdachte, als das noch kaum jemand tat.
Genau diese Prägung ist der Schlüssel zu Der Untergang der Stadt Passau. Der Roman entstand unter dem Eindruck der ersten Ölkrise von 1973, jenes Moments, in dem der wohlhabenden westlichen Welt zum ersten Mal bewusst wurde, wie verletzlich ihr auf endlichen Rohstoffen gebautes Wohlstandsmodell war. Amery, der Umweltdenker, verarbeitete die Angst vor knapper werdenden Ressourcen, vor Umweltzerstörung, vor dem möglichen Zusammenbruch der hochtechnisierten Zivilisation in einem literarischen Gedankenexperiment. Im Vorwort nannte er den Roman bescheiden eine Fingerübung, zu der ihn Walter M. Millers Lobgesang auf Leibowitz inspiriert habe, jener große amerikanische Klassiker über den Wiederaufbau nach dem Atomkrieg, der auf unserer internationalen Hunderterliste steht. Amery übertrug diese Grundidee ins Bayerische.
Passau im Jahr 131 nach der Pest
Die Ausgangslage ist schnell umrissen. Um das Jahr 1981 rafft eine Seuche innerhalb kürzester Zeit fast die gesamte Menschheit dahin. In Europa überleben nur wenige tausend Menschen. Viele der Überlebenden in Deutschland ziehen in wärmere Gefilde, verlassen das Land. Wer bleibt, muss sich neu organisieren. In Bayern kristallisieren sich zwei Zentren heraus, und an ihrem Gegensatz entfaltet Amery seine ganze Idee.
Da ist zum einen Passau, die strategisch günstig am Zusammenfluss dreier Flüsse gelegene Stadt. Hier sammelt ein Anführer, den alle nur der Scheff nennen, die Überlebenden der Umgebung und hält ein Stück der alten Zivilisation am Laufen. Passau wird zu einem neuen Machtzentrum, das versucht, so viel wie möglich vom alten Leben zu bewahren, mit Elektrizität, mit Verwaltung, mit einer wiedererstehenden feudalen Hierarchie und sogar einer neuen Schickeria. Doch dieser Erhalt hat einen Haken. Die Stadt lebt von der Substanz, sie zehrt von den brauchbaren Resten der untergegangenen Welt, von Vorräten und Technik, die sich nicht erneuern lassen. Passaus Zivilisation ist geborgt, und die Frist läuft ab.
Dem gegenüber stehen die Rosenheimer und andere Gruppen, die einen anderen Weg wählen. Sie kehren zurück zu den Wurzeln, zur Subsistenzwirtschaft, zu einem einfachen, bäuerlichen Leben auf niedrigem technischem Niveau, das sich aber selbst trägt und erneuert. Der Kontrast ist Amerys eigentliches Thema. Auf der einen Seite der verzweifelte Versuch, die alte, ressourcenhungrige Zivilisation künstlich am Leben zu halten. Auf der anderen die Anpassung an eine neue, bescheidenere, aber nachhaltige Lebensweise. Erzählt wird das Ganze aus großer zeitlicher Distanz, rückblickend aus dem Jahr 2112, das die Überlebenden als das Jahr 131 nach der Pest zählen, in Gestalt einer Chronik, die ein Kaplan namens Egid über das neu entstandene Volk der Rosmer verfasst.
Amery interessiert sich nicht für den Untergang, sondern für die Wiederkehr. Und seine bitterste Einsicht ist, dass die Menschheit den Fehler wiederholen könnte. Dass sie, kaum überlebt, schon wieder Macht anhäuft, Hierarchien bildet, die Substanz verzehrt.
Die ökologische Botschaft
Hier liegt der dystopische und zugleich ökologische Kern des Romans. Amery nutzt das postapokalyptische Szenario, um eine grundsätzliche Frage über die menschliche Zivilisation zu stellen. Die Stadt Passau, die ihre geborgte Zivilisation gegen alle Vernunft aufrechterhält, obwohl sie von der endlichen Substanz der Vergangenheit lebt, ist ein durchsichtiges Bild für die moderne Industriegesellschaft selbst. Auch sie zehrt von endlichen Ressourcen, auch sie hält einen Wohlstand aufrecht, dessen Grundlage sich erschöpft, auch sie verweigert die Einsicht, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt.
Der Titel ist damit doppeldeutig. Der Untergang der Stadt Passau meint nicht die Seuche, die längst vorbei ist, sondern das absehbare Scheitern des Versuchs, die alte Ordnung mit Gewalt zu konservieren. Passau geht nicht an der Katastrophe zugrunde, sondern an der Unfähigkeit, aus ihr zu lernen. Amery, der Ökologe, formuliert hier eine Warnung, die weit über sein Szenario hinausweist. Eine Zivilisation, die von ihrer Substanz lebt und sich weigert, sich anzupassen, ist dem Untergang geweiht, ob mit oder ohne Seuche. Die Rosenheimer, die den bescheideneren, aber tragfähigen Weg wählen, sind die eigentlichen Überlebenden, die Vorfahren des neuen Volkes der Rosmer, aus dessen Perspektive die Chronik geschrieben ist.
Die ehrliche Einordnung
Der Untergang der Stadt Passau ist ein ideenreiches und historisch wichtiges Buch, aber es ist auch eines mit erheblichen Zugangshürden, und die muss man klar benennen. Die größte ist die Sprache. Amery lässt seine Figuren im lautgetreu wiedergegebenen bayerischen Dialekt sprechen, und er schreibt diesen Dialekt phonetisch aus. Für Leser, die des Bairischen nicht mächtig sind, wird das über weite Strecken zur echten Anstrengung, teils zur Unverständlichkeit. Selbst Leser, die den Dialekt mit Mühe verstehen, berichten, dass die Lektüre dadurch zäh wird. Das ist eine bewusste künstlerische Entscheidung, sie verankert den Roman in seiner Landschaft und verleiht ihm Authentizität, aber sie kostet Zugänglichkeit.
Die zweite Hürde ist der Zeitgeist. Der zentrale Klassenkonflikt zwischen den feudal lebenden Städtern und der einfachen Landbevölkerung, zwischen Oben und Unten, trägt deutlich die Handschrift der siebziger Jahre, ihrer politischen Debatten und ihrer gesellschaftskritischen Muster. Manche Leser empfinden das heute als etwas holzschnittartig, als zu sehr dem Denken seiner Entstehungszeit verhaftet. Und die Erzählweise mit ihren verschiedenen Zeitebenen, so reizvoll sie ist, verlangt Aufmerksamkeit.
Es ist also kein leichtes Buch, kein Pageturner, sondern ein sperriges, regional verwurzeltes, gedankenschweres Werk. Aber es hat, das betonen auch kritische Leser, viel Potenzial und originelle Einfälle, und es ist mit ironischen Seitenhieben auf bayerische Eigenarten und mit trockenem Humor gespickt, der die Schwere immer wieder bricht.
Warum Der Untergang der Stadt Passau auf Platz 29 unserer Liste steht
(Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien) Weil es eine der frühesten und eigenständigsten deutschen postapokalyptischen Visionen ist und weil es einen wichtigen Wandel im Genre markiert. Amerys Roman steht an jener Schwelle, an der sich die Endzeitliteratur von der atomaren zur ökologischen Katastrophe verschiebt. Wo die Klassiker der fünfziger und sechziger Jahre den Atomkrieg fürchteten, fürchtet Amery den ökologischen Kollaps, die erschöpften Ressourcen, die an ihre Grenzen stoßende Wachstumsgesellschaft. Das war 1975 vorausschauend und ist heute, angesichts von Klimakrise und Ressourcendebatte, aktueller denn je.
Und weil seine Kernfrage zeitlos ist. Der Untergang der Stadt Passau fragt nicht, ob die Zivilisation untergeht, sondern was der Mensch daraus macht. Ob er die Chance des Neuanfangs nutzt, um klüger, bescheidener, nachhaltiger zu leben, oder ob er blind die alten Fehler wiederholt, Macht anhäuft, Hierarchien errichtet, die Substanz verzehrt, bis der nächste Untergang kommt. Amerys Antwort ist skeptisch, aber nicht hoffnungslos. Die Rosmer, das neue Volk, existieren ja, die Geschichte geht weiter. Nur eben nicht als Fortsetzung des Alten, sondern als etwas Neues, das aus der Anpassung an die Grenzen der Welt entstanden ist.
Das ist die grüne, katholisch grundierte Weisheit des Carl Amery. Dass der Mensch überleben kann, aber nur, wenn er lernt, im Einklang mit den Grenzen seiner Welt zu leben statt gegen sie. Passau, die Stadt, die sich weigerte, das zu begreifen, ging unter. Die Bescheidenen erbten die Erde. Es ist eine Parabel, so bayerisch wie universell, und sie hat von ihrer Dringlichkeit nichts verloren, im Gegenteil. Wir stehen heute vor genau der Frage, die Amery vor einem halben Jahrhundert stellte. Passen wir uns an, oder zehren wir weiter von der Substanz, bis unsere eigene Stadt Passau untergeht.

Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau. Erstmals erschienen 1975 bei Heyne in der Science-Fiction-Reihe, rund 130 Seiten. Größter Bucherfolg des Autors. Retrospektiv erzählt aus dem Jahr 2112. Inspiriert von Walter M. Millers Lobgesang auf Leibowitz. Neuausgaben u. a. beim SüdOst Verlag unter dem Zusatz Ein Zukunftsroman aus Bayern. 2021 als zweiteiliges Hörspiel des Bayerischen Rundfunks bearbeitet. Carl Amery (1922 bis 2005) war Schriftsteller und Mitbegründer der deutschen Ökologiebewegung.
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