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The Waldo Moment. Es gibt eine Folge von Black Mirror, die bei ihrer Ausstrahlung als die schwächste ihrer Staffel galt, als zu dünn, zu übertrieben, zu unwahrscheinlich, und die heute als die vielleicht prophetischste der ganzen Serie dasteht. The Waldo Moment, der Abschluss der zweiten Staffel, erzählt von einem obszönen Cartoon-Bären, der in die Politik eintritt, und von einer Öffentlichkeit, die ihn gerade deshalb liebt, weil er nichts zu sagen hat außer Spott. 2013 hielten viele das für eine überzogene Satire. Wenige Jahre später sah die Welt zu, wie die Realität die Fiktion nicht nur einholte, sondern überholte.
Diese Folge ist das beste Beispiel für eine Eigenschaft von Black Mirror, die unheimlicher ist als jeder erfundene Horror. Die Fähigkeit der Serie, die Gegenwart so präzise zu lesen, dass ihre Zuspitzungen zur Vorhersage werden. The Waldo Moment handelt nicht von einer fernen Technologie, sondern von einer Dynamik, die bereits in vollem Gange war und die seither die politische Landschaft der westlichen Welt umgepflügt hat.

Der Bär, der die Wahrheit sagt, indem er lügt
Die Geschichte dreht sich um Jamie Salter, gespielt von Daniel Rigby, einen erfolglosen, frustrierten Comedian. Sein einziger beruflicher Erfolg ist Waldo, ein grober, vulgärer, blauer Cartoon-Bär, dem Jamie per Motion-Capture Stimme und Bewegung verleiht. Waldo tritt in einer Late-Night-Show auf, wo er Politiker interviewt und mit kindischem, aber bisweilen treffsicherem Spott vorführt. Die Politiker kommen in die Sendung, weil sie Waldo für eine harmlose Kinderfigur halten, und gehen gedemütigt wieder, weil der Bär ihre Phrasen, ihre Leere, ihre Unaufrichtigkeit bloßstellt.
Dann hat Jamies ehrgeiziger Produzent eine Idee. Waldo soll bei einer anstehenden Nachwahl als Kandidat antreten, zunächst nur als Werbegag, als Provokation, als Quotenbringer. Doch das Unerwartete geschieht. Waldo wird populär. Die Menschen, überdrüssig der etablierten Politiker, ihrer leeren Versprechen, ihrer glatten Unaufrichtigkeit, finden in dem grölenden Bären ein Ventil für ihren Frust. Waldo hat kein Programm, keine Überzeugungen, keine Lösungen. Sein ganzer Reiz besteht darin, dass er die anderen verhöhnt, dass er auspricht, wie verlogen das ganze System sei, dass er selbst zugibt, eine Lüge zu sein, ein Cartoon, und damit ehrlicher wirkt als die echten Kandidaten.
Waldos Botschaft ist, dass alle anderen falscher sind als er, und er ist eine Zeichentrickfigur. Das ist die perfide Logik des Populismus. Wer offen zugibt, ein Clown zu sein, erscheint authentischer als der Politiker, der vorgibt, es ernst zu meinen.
Form ohne Inhalt
Hier liegt der scharfsinnige Kern der Folge. Waldo verkörpert eine Politik, die nur noch aus Haltung besteht, aus Pose, aus Dagegensein, ohne jeden Inhalt. Er ist gegen das Establishment, gegen die Politiker, gegen das System, aber er ist für nichts. Er hat keine Vorschläge, keine Werte, keine Vision. Seine ganze Attraktivität beruht auf Negation, auf Spott, auf der Befriedigung, die es den Frustrierten verschafft, wenn jemand die Mächtigen lächerlich macht. Und genau das macht ihn so gefährlich. Denn eine Protestbewegung, die nur dagegen ist und für nichts, ist leicht zu kapern, leicht zu instrumentalisieren, leicht in jede beliebige Richtung zu lenken.
Das zeigt die Folge in ihrem düsteren Verlauf. Jamie, der Mann hinter Waldo, bekommt zunehmend Gewissensbisse, erkennt, was er da geschaffen hat, und will aussteigen. Doch er besitzt die Rechte an der Figur nicht. Waldo gehört den Medienleuten, und die machen weiter, auch ohne Jamie, auch gegen Jamie. Am Ende wird Waldo zu einem Instrument der Macht, das die Masse aufhetzt, zur Gewalt anstachelt, und Jamie selbst, der Schöpfer, wird zum Opfer seiner eigenen Kreatur. Die Figur hat sich von ihrem Erschaffer gelöst und ist zu einer eigenständigen, manipulierbaren Kraft geworden, die jeder nutzen kann, der sie kontrolliert.
Als die Realität die Satire überholte
Keine Black-Mirror-Folge wird so oft im Zusammenhang mit realen politischen Entwicklungen genannt wie diese. Die Parallelen, die Kritiker und Kommentatoren weltweit zogen, sind unübersehbar. Der Aufstieg von Politikern, die aus der Unterhaltungsindustrie oder dem Reality-Fernsehen kamen, die mit grober Provokation, Beschimpfung der Gegner und bewusster Tabuverletzung Erfolg hatten, die sich als Anti-Establishment inszenierten und gerade mit ihrer Unverschämtheit punkteten, das alles schien The Waldo Moment vorweggenommen zu haben. Besonders die Wahl Donald Trumps 2016 und der Aufstieg ähnlicher Figuren in anderen Ländern ließen die Folge im Rückblick geradezu seherisch erscheinen.
Charlie Brooker selbst hat diese Deutung bestätigt und zugleich eine bittere Pointe hinzugefügt. In der Folge gewinnt Waldo die Wahl nicht, er wird nur Zweiter. Das, so Brooker, habe man 2013 für realistisch gehalten, ein Cartoon-Clown, der tatsächlich gewinnt, sei ihnen als zu weit hergeholt erschienen. Die Realität bewies das Gegenteil. Sie zeigte, dass man nicht einmal ein Cartoon sein muss, um Waldos Vorteile zu nutzen. Es genügt, sich cartoonhaft genug zu verhalten. Die Fiktion war in ihrer Vorsicht noch zu zurückhaltend gewesen. Das Leben übertraf den dunkelsten Entwurf.
Die ehrliche Einordnung
The Waldo Moment ist der seltene Fall einer Folge, deren Ansehen sich über die Jahre dramatisch gewandelt hat. Bei der Ausstrahlung 2013 war sie die am schwächsten aufgenommene Episode der zweiten Staffel, und auch heute landet sie in vielen Ranglisten im unteren Bereich. Die Kritikpunkte sind nachvollziehbar. Die Folge ist weniger elegant konstruiert als die besten der Serie, der Protagonist Jamie bleibt etwas blass, seine Motivation nicht immer überzeugend, und das Ende wirkt mit seiner plötzlichen globalen Zuspitzung überhastet und für manche zu dick aufgetragen, eine, wie ein Kritiker spottete, hölzerne Dystopie. Die Satire, so der Einwand damals, sei zu offensichtlich, die Botschaft zu plakativ.
Aber all diese Einwände verblassen vor der prophetischen Kraft der Folge. Was 2013 als übertrieben galt, ist heute Realität. Und gerade die vermeintliche Schwäche der Folge, ihre direkte, unverschlüsselte Botschaft, erweist sich im Rückblick als Stärke. Brooker hat nicht in Metaphern gesprochen, sondern den Mechanismus offen benannt, wie eine Politik der leeren Provokation, der Unterhaltung, des Dagegenseins eine frustrierte Öffentlichkeit erobern kann. Diese Klarheit macht die Folge heute wertvoller als ihre kunstvolleren Geschwister.
The Waldo Moment ist damit weniger ein Meisterwerk des Erzählens als ein Treffer ins Schwarze der Zeitdiagnose. Sie zeigt, was geschieht, wenn Politik zur Unterhaltung wird, wenn die Verachtung für das Establishment wichtiger wird als jede Idee davon, was an seine Stelle treten soll, wenn eine Gesellschaft so politikverdrossen ist, dass sie lieber einen Clown wählt als einen Politiker. Die eigentliche Warnung der Folge gilt nicht Waldo, sondern dem Publikum, der wahlmüden, zynischen, nach Krawall dürstenden Öffentlichkeit, die solche Figuren erst möglich macht. Waldo ist nur das Symptom. Die Krankheit ist die Verachtung für die Demokratie selbst, die sich als Rebellion tarnt.
Das gleiche Phänomen trifft auch Filme wie Idiocracy. Während die einen ihn feiern, betrachten andere ihn als vorhersehbar und zu realitätsnah.
Am Ende der Folge ist Waldo zu einem globalen Instrument der Kontrolle geworden, ein grinsendes blaues Gesicht, das die Massen lenkt. Es ist ein Bild, das 2013 wie düstere Fantasie wirkte und das heute wie eine Momentaufnahme der Gegenwart erscheint. Der Clown hat die Politik nicht gewonnen, weil er klug war, sondern weil wir müde waren. Das ist die unbequeme Lehre, die The Waldo Moment uns hinterlässt, und sie ist mit jedem Wahljahr aktueller geworden.
Black Mirror, The Waldo Moment. Staffel 2, Episode 3. Großbritannien 2013, Channel 4. Regie: Bryn Higgins. Drehbuch: Charlie Brooker, nach einer Idee aus seiner früheren Serie Nathan Barley. Darsteller: Daniel Rigby, Tobias Menzies, Chloe Pirrie. Laufzeit rund 43 Minuten. Bei Erscheinen die am schwächsten aufgenommene Folge der Staffel, im Rückblick wegen ihrer prophetischen Qualität neu bewertet. Episodenguide.
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