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Shut Up and Dance. Es gibt eine Folge von Black Mirror, die viele Zuschauer als die verstörendste der ganzen Serie bezeichnen, und sie enthält kaum Science-Fiction. Shut Up and Dance, die dritte Folge der dritten Staffel, spielt vollständig in der Gegenwart, mit Technologien, die bereits existieren, und gerade das macht sie so unerträglich nah. Sie erzählt von einem jungen Mann, der von anonymen Hackern erpresst wird, nachdem diese ihn über seine Webcam heimlich gefilmt haben, und die ihn zwingen, immer schlimmere Verbrechen zu begehen. Es ist ein atemloser, albtraumhafter Thriller, der den Zuschauer in die Angst und Verzweiflung des Protagonisten hineinzieht, bis zu einem letzten Satz, der alles Vorangegangene umstürzt.
Shut Up and Dance ist Black Mirror in seiner kältesten, moralisch unbequemsten Form. Die Folge manipuliert den Zuschauer meisterhaft, baut Mitgefühl auf, lässt uns mit dem gehetzten jungen Mann bangen, und zieht uns dann in der allerletzten Minute den Boden unter den Füßen weg, mit einer Enthüllung, die uns zwingt, alles neu zu bewerten, auch unser eigenes Mitgefühl.

Die Erpressung
Im Zentrum steht Kenny, gespielt von Alex Lawther in einer von der Kritik gefeierten Darstellung, ein schüchterner, unscheinbarer, nervöser Teenager, der in der Küche eines Restaurants arbeitet. Eines Tages fängt er sich beim Surfen eine Schadsoftware auf seinem Laptop ein, und unbemerkt filmt ihn die Kamera seines Geräts in einem intimen, privaten Moment. Kurz darauf erhält er eine Nachricht von anonymen Erpressern. Sie haben das Video. Wenn er nicht genau das tut, was sie verlangen, schicken sie es an alle seine Kontakte, an seine Familie, seine Freunde, die ganze Welt.
Aus Angst, aus Scham, aus purer Verzweiflung gehorcht Kenny. Zunächst sind es kleine Aufgaben, dann immer größere, immer gefährlichere, immer kriminellere. Er muss Pakete transportieren, ohne zu wissen, was darin ist. Er muss eine Bank überfallen. Er trifft auf andere Opfer derselben Erpresser, Menschen wie Hector, gespielt von Jerome Flynn, einen Familienvater, der ebenfalls in die Falle geraten ist, und gezwungen wird, mit Kenny zusammenzuarbeiten. Die Folge jagt den Zuschauer mit Kenny durch einen einzigen, immer albtraumhafteren Tag, eine Schnitzeljagd des Grauens, bei der jede erfüllte Forderung nur zur nächsten, schlimmeren führt, und bei der die Drohung über allem schwebt, die Veröffentlichung des Videos, die totale Zerstörung des Lebens.
Die Erpresser bleiben die ganze Folge über unsichtbar, gesichtslos, körperlos. Sie sind nur eine Stimme, eine Nachricht, eine allgegenwärtige Bedrohung aus dem Netz. Und genau das macht sie so schrecklich. Man kann nicht mit ihnen verhandeln, nicht fliehen, nicht einmal wissen, wer sie sind.
Die Falle war immer verschlossen
Kenny tut alles, was man von ihm verlangt. Er erniedrigt sich, er bricht das Gesetz, er riskiert sein Leben, er begeht schließlich eine verzweifelte Gewalttat, alles in der Hoffnung, am Ende freizukommen, das Video zu verhindern, sein Leben zu retten. Und genau hier liegt die vernichtende Pointe der Folge. Es gibt keinen Ausweg. Die Falle war von Anfang an verschlossen. Nachdem Kenny und die anderen alles getan haben, was gefordert wurde, nachdem sie durch die Hölle gegangen sind, veröffentlichen die Erpresser die Videos trotzdem. Hector erhält auf seinem Handy ein spöttisches Troll-Gesicht, das Zeichen, dass die Hacker ihre Drohung ausgeführt haben, obwohl er gehorcht hat. Das Spiel war von Beginn an manipuliert, es gab nie eine Chance zu gewinnen.
Die Erpresser, so legt die Folge nahe, handelten nicht aus Habgier, nicht einmal aus einem verdrehten Sinn für Gerechtigkeit, sondern aus purem Sadismus, zur eigenen Belustigung. Sie spielten mit ihren Opfern, wie eine Katze mit der Maus spielt, trieben sie durch sinnlose Qualen, nur um zuzusehen, wie sie sich noch tiefer ins Verderben stürzten. Die Grausamkeit hatte keinen Zweck außer der Grausamkeit selbst. Das ist eine der dunkelsten Visionen der ganzen Serie, die anonyme Bosheit des Internets, die Lust an der Zerstörung fremder Leben, ausgeübt von Menschen, die nie ein Gesicht zeigen und nie Verantwortung tragen.
Der Satz, der alles ändert
Und dann kommt der letzte Schlag, der Shut Up and Dance zu einer der umstrittensten Folgen der Serie macht. In der allerletzten Minute, nachdem der Zuschauer die ganze Zeit mit Kenny gelitten, gebangt, gehofft hat, wird enthüllt, was eigentlich auf dem Video war, warum Kenny so verzweifelt, so panisch, zu allem bereit war. Das Video zeigte nicht einfach einen peinlichen privaten Moment. Kenny hatte sich beim Betrachten von Missbrauchsabbildungen von Kindern gefilmt. Kenny ist ein Pädophiler.
Diese Enthüllung zwingt den Zuschauer zu einer brutalen moralischen Neubewertung. Die ganze Folge hindurch hat man Mitgefühl mit Kenny empfunden, hat ihn als unschuldiges Opfer gesehen, als jungen Mann, der für einen harmlosen privaten Moment grausam bestraft wird. Und nun, im letzten Augenblick, bricht dieses Mitgefühl in sich zusammen. Kenny ist kein unschuldiges Opfer. Er hat etwas Abscheuliches getan. War das ganze Mitleid, das man für ihn empfand, ein Fehler? Verdient er die Qual, die man miterlebt hat? Und was sagt es über uns, dass wir die ganze Zeit auf seiner Seite waren?
Genau das ist die Absicht der Folge, und es ist dieselbe Falle, die Black Mirror schon in White Bear stellte. Die Folge spielt mit dem Mitgefühl des Zuschauers, baut es auf und reißt es ein, und zwingt uns, über die großen, unbequemen Fragen nachzudenken. Verdient ein Mensch, der Furchtbares getan hat, jede Grausamkeit zurück? Ist die anonyme, sadistische Bestrafung durch selbsternannte Richter Gerechtigkeit, oder ist sie nur eine andere Form des Verbrechens? Und darf man Mitgefühl empfinden mit jemandem, der etwas Unverzeihliches getan hat?
Die ehrliche Einordnung
Shut Up and Dance ist eine der am meisten polarisierenden Folgen der Serie. Manche halten sie für die beste überhaupt, für ein meisterhaftes, atemloses Stück Spannungskino, das ohne jede Science-Fiction auskommt und allein mit real existierender Technik und menschlicher Bosheit ein unerträgliches Grauen erzeugt. Die schauspielerischen Leistungen, besonders die von Alex Lawther, sind herausragend, und der Twist am Ende ist einer der wirkungsvollsten der ganzen Serie, gerade weil er so spät kommt, in der allerletzten Sekunde, wenn die Geschichte schon vorbei scheint.
Doch dieselbe Folge wird von anderen gerade für diesen Twist kritisiert. Der Vorwurf lautet, die Enthüllung sei billig, ein Manipulationstrick, der nur schockieren wolle, ohne eine tiefere Aussage zu treffen. Manche Kritiker fanden die Folge zu nihilistisch, zu grausam ohne Erkenntnisgewinn, ein bloßes Quälen des Zuschauers. Und das Thema selbst, der Kindesmissbrauch, ist so schwer, dass manche die Art, wie die Folge damit spielt, um einen Schockeffekt zu erzielen, als geschmacklos empfanden. Es ist eine Folge, die bewusst verstört, und ob diese Verstörung einem Zweck dient oder Selbstzweck ist, darüber lässt sich streiten.
Was unbestreitbar bleibt, ist ihre thematische Aktualität. Shut Up and Dance zeigt die realen Gefahren unserer vernetzten Welt, die gekaperte Webcam, die über uns alle wachen kann, die Erpressung mit privaten Daten, die Sextortion, die heute tatsächlich existiert und Menschen in den Suizid treibt, die anonyme Grausamkeit des Internets, die Lust am Zerstören fremder Leben aus sicherer Deckung. Nichts davon ist erfunden. All das geschieht bereits, jeden Tag. Die Folge nimmt die reale Technik, die wir alle benutzen, und zeigt, wie sie zur Waffe werden kann, in den Händen anonymer Täter, gegen jeden von uns.
Die Folge lässt einen mit einem zutiefst unbehaglichen Gefühl zurück, und das ist ihre Absicht. Man hat mit einem Menschen gelitten, der Mitleid vielleicht nicht verdient, man hat eine Grausamkeit miterlebt, die vielleicht Gerechtigkeit war oder vielleicht nur Bosheit, und man hat keine klare Antwort bekommen, nur unbequeme Fragen. Shut Up and Dance tanzt, wie der Titel sagt, nach der Pfeife unsichtbarer Mächte, und es zwingt auch den Zuschauer zum Tanz, zum Mitfiebern, zum Mitfühlen, nur um ihm am Ende klarzumachen, dass er die ganze Zeit mit dem Falschen mitgefühlt hat. Oder war es doch richtig? Die Folge gibt keine Antwort. Sie lässt uns allein mit dem Spiegel, und was wir darin sehen, gefällt uns nicht.
Black Mirror, Shut Up and Dance. Staffel 3, Episode 3. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: James Watkins. Drehbuch: Charlie Brooker und William Bridges. Darsteller: Alex Lawther, Jerome Flynn. Laufzeit rund 51 Minuten. Spielt vollständig in der Gegenwart mit real existierender Technik. Thematisch verwandt mit White Bear. Episodenguide.
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